besinnen n
Fundstelle: Lfg. 7 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1624, Z. 23
consideratio: nach einem kurzen besinnen. Schiller 292ᵇ; auch ist hier in Neapel kein besinnens. Göthe 28, 241.
besinnen
Fundstelle: Lfg. 7 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1622, Z. 48
zwischen starker und schwacher flexion schwankend, wie ansinnen, aussinnen und gesinnen, doch jene überwiegend.
1)
intransitiv, sapere, resipere, resipiscere. mhd.
lieb im in sînem muot besinnet.
MS. 2, 23ᵃ,
sich bewust wird, zu sich kommt;
ich enbin niht so besunnen,
daʒ ich gesprechen künn darzuo.
gute frau 2294.
nhd. in solchem sinn nur das part. besonnen, cautus, circumspectus, wofür Boner auch die schwache form:
der gebûre stuͦnt vil wol besint.
62, 53,
und so auch bei Maaler 62ᶜ besinnt, bei sinnen, cordatus; wol besinnt, circumspectus; er ist wol besinnt und bedacht; besinnter mensch, consideratus homo. diese participia lassen sich aber auch von der folgenden bedeutung, als consideratus und überlegt herleiten.
2)
transitiv, besinnen überlegen, considerare: mhd.
daʒ ich mit flîʒe hab besint.
Bon. 99, 52,
ältere dichter nehmen es aber für in den sinn geben, zu gemüt führen:
nu hât uns leigen baʒ besinnet,
der aller wunder hât gewalt.
MS. 2, 9ᵃ;
Daniel uns daʒ besinnet hât.
2, 248ᵃ.
nhd. considerare, excogitare, aussinnen, betrachten: doch habens etliche besonnen und aus eigner erfarung inne worden. Luther 2, 172ᵇ; und wenn mans gründlich besinnet, so sind aus den historien und geschichten fast alle rechte, kunst, guter rat, warnung, drewen ... als aus einem lebendigen brunnen gequollen. 6, 531ᵇ;
herr der richter, wir wollen euch imer danken,
und auch den schöpfen in den schranken,
das irs so recht hübschlich habt pesunnen.
fastn. sp. 707, 31;
lob hab der erenkünig im tran (himmel),
der ie zu schöpfen (schaffen) das besan (erdachte).
1305;
darnach hett man ein rat besunnen,
umb ein scharlach do zu rennen.
1353;
die vergangne und zukünftig zeit
er auf der reis wol bsint und bdacht.
Thurneisser archid. 2;
so weisz ich und kan wol besinnen
des menschen gestalt, gleich aus und innen.
6;
wie ein mensch, der etwas bei sich tief besinnet oder tichtet. Fronsp. 3, 289ᵃ;
so sind wir von natur, du wirst ja disz besinnen,
nur weiber, die wir nicht mit männern streiten können.
Opitz 1, 166;
laszt uns ihren glanz besinnen
und das himmlische beginnen.
Fleming 320;
Damon, was besinnest du?
398;
sachen, die nur ihr besinnet
und doch keinem sagen könnet.
354;
wenn ich Volinie, wie ich dann stetig pflege,
besinne deine gunst und reiche freundlichkeit.
643 (639);
Mopsus kan von eignen künsten (suo Marte) nichts verrichten, nichts besinnen,
wie sein weib, die ohne mutter niemals hat gebehren künnen.
Logau 3, 3, 83;
o lieber, wie viel ists, das ich pflag zu besinnen?
geh, zehle mir die stern und menschliches beginnen.
3 zug. 261,
was Lessing 5, 308 auf die sinngedichte auslegt;
besinn es, dann beginn es.
Lehmann 72;
soll ich die zeit besinnen,
die nun verflossen ist?
Weise überfl. ged. 1. 5 dutzend, 9 gedicht;
hieraus nun kunte ich leicht so viel bei mir schlieszen und besinnen. Simpl. 1, 25. später fast ganz im gebrauch erlöschend: etwas tief bei sich besinnen und dichten. Hippel 8, 217, wie oben Fronsperg.
3)
besinnen für ansinnen, anmuten erscheint nur in folgender stelle: es haben bei mir etlich meiner guten freund besonnen, etwas geistlichs und christlichs e. f. gn. zuzuschreiben. Luthers br. 1, 386.
4)
reflexives sich besinnen erreicht wieder jenen intransitivsinn. die sache steht sowol im gen. als mit der praep. auf, sich eines dinges, eines andern, eines bessern besinnen; sich auf etwas besinnen, es im gedächtnis auffinden. mhd.
eins dinges hab ich mich besint.
Bon. 49, 24;
hettest du dich besinnet reht.
76, 39;
nhd. ich kan mich nicht daraus besinnen (finden),
ich weisz gar nicht umb die minne.
fastn. sp. 405, 36;
die zween sich hatten bald besunnen.
Alberus 36ᵇ;
indem aber Petrus sich besinnet über dem gesichte. apost. gesch. 10, 19; und als er sich besinnet (συνιδών, vulg. considerans), kam er vor das haus Mariae. 12, 12;
wie oftmals kann ich mich vor schmerzen kaum besinnen.
Gryphius 2, 435;
besinne dich doch lieb, wo du was kanst besinnen.
Fleming 610;
der vater schlug die augen nieder, besonne (für besann) sich ein wenig. pers. rosenth. 6, 7; der richter besonne sich eine weile. 7, 20; besinnet euch besser. Weise erzn. 125;
seit menschen sich besinnen (gedenken)
starb keine jungfer drinnen.
Lessing 1, 4;
die vertraute entfernte sich also, in hofnung dasz ihre gebieterin sich wol eines besseren besinnen würde. Wieland 3, 224; sie hofte, er werde sich indesz eines bessern besonnen haben. 11, 139;
itzt besinn ich mich
des liedes das ihnen gefiel.
5, 113;
und kurz es war nicht weit vom schlagen,
als vater Zevs, dem hier nicht wol zu muthe war,
weil alle stürmend in ihn dringen,
ihm seinen ausspruch abzuzwingen,
sich glücklich einer list besann.
10, 156;
sie besann sich also glücklicherweise eines andern (mittels), welches ihr nicht so viel kostete. 11, 4; endlich besann sie sich eines alten reitersäbels, der unter andern alterthümern nicht weit von seinem zimmer in einer plunderkammer lag. 11, 157; endlich besann sich der ehrliche Anthrax eines mittels. 20, 23;
er kam zuerst zu meinem bette,
besinnt er sich?
Gotter 1, 160;
und als sich neuer list
der höfling noch besann.
1, 195;
ihre majestät
besinnen sich vielleicht noch jenes vorfalls.
Schiller 272ᵇ;
wo möglich, eh sie von dem schlage sich
in Wien besinnen und zuvor dir kommen.
361ᵇ;
ich bin nicht krank. ich habe kraft zu stehn,
was weint die mutter? hab ich sie erschreckt?
es ist vorüber, ich besinne mich wieder.
393ᵃ;
lasz mir das dumpfe glück, damit ich nicht
mich erst besinne, dann von sinnen komme.
Göthe 9, 242;
besinne dich dein! Claudius 7, 79; besinne dich! sagt der lehrer zum schüler; während dessen dieser geist (Lessing), ohne literarische richtung nach auszen, sich auf sich selbst besann und in sich selbst wurzel schlug. Fichte Nicolais leben 98; darauf sich besonnen wird. Fichte die wissenschaftsl. in allg. umr. 38; jetzo wird sich besonnen (besinnt man sich). J. Paul aesth. 3, 107; man besinnt sich heiszt, man steht noch an, überlegt noch;
der übersilberte lakai
besinnt sich, ob er einen teller
mir reichen will.
Gökingk 2, 17;
man besinnt sich ihm beizupflichten, mag nicht seiner meinung sein, hat sich anders besonnen. einige der beigebrachten stellen haben deutlich die bedeutung von resipiscere, zu besinnung kommen, sich wieder fassen, wie unter 1.
Zitationshilfe
„besinnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/besinnen>, abgerufen am 19.07.2019.

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