beginnen n
Fundstelle: Lfg. 6 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1297, Z. 70
inceptio, conatus, mehr thätigkeit ausdrückend als beginn:
zumal mich sonst noch ehrt ein anderes beginnen.
Logau 3, zug. 131;
eine perle von der tugend
ein christall von recht beginnen.
1, 10, 2;
redeten vertraulich von solchem übeln beginnen. pers. rosenth. 1, 45;
der nicht ein neues unheil und gewaltbeginnen
von den vögten uns verkündet.
Schiller 519ᵇ;
habt ihr doch böses genug erlitten vom wüsten beginnen.
Göthe 40, 293;
so gewannen sie bald mit feurigem muntern beginnen
dann die herzen der weiber.
40, 290;
dies wunderliche beginnen.
40, 331;
und was ist dein beginnen?
Schiller 362ᵇ;
dasz wir ahnen, wie zu enden
das beginnen dieser zeit.
Arnim kronenw. 1, 316.
beginnen
Fundstelle: Lfg. 6 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1296, Z. 23
incipere, ahd. pikinnan (Graff 4, 209. 210), mhd. beginnen (Ben. 1, 528), nnl. beginnen, goth. aber duginnan. in die form und bedeutung dieses wortes zu dringen wurde bei Haupt 8, 14—20 gesucht, worauf hier verwiesen werden musz. es ist nemlich eine auffallende eigenheit des hochd. dialects, dem praet. sowol schwache als starke flexion zu verleihen, ahd. pikan und pikonda, mhd. began und begonde, begunde, nhd. begann und begonnte. began und begonde scheinen sich aber zu verhalten wie kan und konde, kann und konnte, d. h. begonde und begonnte, konde und konnte ein abstractes praet. zu dem sinnlichen praet. began, begann, kan, kann zu gewähren, welchem began und kan allmälich auch abstracte praesensbedeutung verliehen wurde. ginnan schlosz ursprünglich den sinn von schneiden, spalten, gann den von ich habe geschnitten, gespalten in sich; wer sich brot, fleisch geschnitten, den apfel geschält hat, der hebt an zu essen. Anfangen und anheben haben ein sinnliches fassen und heben an etwas zur unterlage, beginnen und entginnen ein beschneiden und anschneiden. so hiesz das span. empezar, empiezo anfangen eigentlich zerstücken, vgl. pieza stück, pezuelo stück; nicht anders das franz. entamer = commencer, eigentlich faire une petite incision, entamer un pain, entamer la chair anschneiden, vgl. prov. entamenar, mettre en pièces. Raynouard 2, 130. hierzu aber halte man das mnl. die scortse ontginnen, entamer l'escorce. Rose 14159; castel ontgonnen, burg zerbrochen. 7340; tpaleis ontginnen, casser le palais. 14092. slavische verba des anschneidens und beginnens werden a. a. o. seite 19 verglichen, der dort gewagten zusammenstellung von coepi mit capio und incipio scheint ein dreisilbiges coëpi entgegen, das Lachmann zu Lucr. 4, 619, doch blosz in dieser stelle, nicht sonst aufweist. halten wir uns für beginnen an die ausreichenden andern analogien. Ahd. herscht die schwache form des praet. merklich vor, mhd. halten sich schwache und starke mehr im gleichgewicht, doch scheint began vorzüglich der reim herbeizuführen. nhd. begann erscheint wiederum erst bei den dichtern des 18 jh. Luther verwendet beginnen überhaupt nur selten, öfter anheben, noch öfter anfangen: da sich aber die menschen begunden zu mehren auf erden. 1 Mos. 6, 1; morgen sol euch hilfe geschehen, wenn die sonne beginnet heisz zu scheinen. 1 Sam. 11, 9; so sol euch solche untugent sein wie ein risz an einer hohen mauren, wenn es beginnet zu rieseln. Es. 30, 13; darumb ich sie auch weg gethan habe, da ich begonst drein zu sehen. Ez. 16, 50; beginnet ir dem ketzer zu schreiben. Luther 3, 33ᵇ; was aber dennoch begunst (angefangen) und vorgenommen. Melanchth. 1, 550. Folz, H. Sachs und Waldis setzen häufig bloszes gund oder gundt für begunde, ein solches mhd. gunde ist nicht aus Eracl. 1938. 3994 zu beweisen, wo die hss. beidemal begunde lesen; die decreten begunde (es steht begonnet) man hinder die bank zu werfen, bienenk. 4ᵇ; dardurch die brüder begunten sehr reich zu werden. 181ᵇ; begunnte steht in Brandts Taubmann s. 11, begünte im Philand. ed. Lugd. 3, 236, begunste bei Alberus;
fürstin, euren ruhm zu preisen ist ein werk nicht meiner sinnen,
weil ich nichts thu, was die leute durch und durch nicht auch beginnen.
Logau 3, 3, 32;
bleibt dabei, dasz menschen nur thorheit bei vernunft beginnen.
3, 4, 80;
eine rose, die zu blühen beginnet. pers. rosenth. 5, 16; wenn das korn zu reifen beginnet. 6, 1; da beginnen die leute auch auf den propheten selbst zuzuschlagen. 7, 20; als der knabe sich ins wasser begab, kunte er nicht schwimmen, beginnet zu sinken. Lokman fab. 25; etwa eine stunde drauf begunte sich das wetter zu ändern. pol. maulaffe 6;
ein geck, der alles, was sein stolz begonnte (unternahm),
recht unverschämt bewundern konnte.
Gellert 1, 118;
du wogst, eh ich zu sein begonnte,
eh ich zu dir noch rufen konnte,
mir mein bescheiden theil schon vor.
2, 117;
im anfang jener zeit, die gott allein beginnet.
Haller 137;
entfernt vom land, wo ich begann zu leben;
eh meine knorpelhand so stark zu sein begonnte,
dasz sie mit jauchzen ihr das haar zerzausen konnte.
Lessing 1, 189;
zwei musen begonnen ihren streit.
Wieland 9, 144;
bis endlich der älteste also begonnte (anhub).
16, 11;
beginnt er seine geschichte dem wirth erzählen.
22, 19;
den felsen stieg ich jetzt hinan,
eh ich den schweren strausz begann,
hinkniet ich vor dem Christuskinde,
und reinigte mein herz von sünde.
Schiller 66ᵇ;
dies alles ist mir unterthänig,
begann er zu Aegyptens könig.
57ᵃ;
gesteh ichs doch! ich wuste nicht was sich
zu eurem vortheil hier zu regen gleich begonnte,
allein gewis, ich war recht bös auf mich,
dasz ich auf euch nicht böser werden konnte.
Göthe 12, 165;
Isegrim aber, der wolf begann die klage.
40, 6;
domino placebo begann die gemeine, sie sangen
alle verse davon.
40, 15;
endlich aber begann die würdige hausfrau und sagte.
40, 236;
freundlich begann sogleich die ungeduldige hausfrau.
40, 238;
in der ersten hälfte seines lebens wird dem dichter begonnte, in der andern begann geläufiger gewesen sein. Es braucht kaum erinnert zu werden, dasz beginnen, wie anfangen und anheben, sowol transitiv als intransitiv stehen kann. in ihrer abgezognen bedeutung sind sich diese drei verba vollkommen gleich, so verschieden die ihnen unterliegende sinnliche gewesen war: es beginnt zu regnen, es hebt an zu regnen, es fängt an zu regnen. nur dasz uns beginnen etwas vornehmer klingt als anfangen. für ein verweisendes was hast du wieder angefangen im sinne von übles angestellt? würde nicht leicht begonnen gesagt, und umgekehrt läszt sich von gott sagen, dasz er die welt begonnen habe, nicht angefangen. so schon Opitz in seiner verdeutschung der catonischen distichen buch 2, 2:
lasz sein was himmel sei und gott daselbst beginnt,
schaw an was sterblich ist, dieweil wir sterblich sind
(mitte arcana dei coelumque inquirere quid sit,
quum sis mortalis, quae sunt mortalia cures).
Die ahd. und mhd. sprache fügte zu beginnen häufig den gen. der sache (Ben. 1, 528ᵇ), wofür heute blosz der acc. üblich ist. ganz eigen aber ist, dasz der meisznische dialect den reflexiven gen. hinzufügt, im sinne von sich gebärden, anstellen: er beginnet seiner sehr albern, er stellt sich albern an; sie sehen, wie sie ihrer beginnt, wenn ich nur ein wort erwähne. Chr. Fel. Weisze, wie sie sich gehabt, böse thut, gleichsam es mit sich anhebt. anderwärts findet sich auch ohne den gen. ein sich beginnen ähnlich gebraucht:
seht an den hünermann, wie er sich doch beginnt,
wann er sich sonder weib nur kurze zeit befind.
zeitvertreiber 1668 s. 442.
Zitationshilfe
„beginnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/beginnen>, abgerufen am 19.10.2019.

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