überwinden, überwinnen v
Fundstelle: Lfg. 5 (1932), Bd. XI,II (1936), Sp. 653, Z. 64
zur form: überwinden ist wie unterwinden und verwinden auf das hd. gebiet beschränkt, überwinnen westgerm., zu winnan (s. gewinnen): ahd. ubarwinnan Graff 1, 880; mhd. überwinnen Lexer handwb. 2, 1681; mnd. overwinnen Schiller-Lübben 3, 286; mnl., nld. overwinnen Verwijs-Verdam 5, 2353. die hd. form mit dental hat schon Adelung 4, 784 von winden, flectere abgetrennt und zu winnen, kämpfen gestellt. man betrachtet den dental heute meist als präs. infix, das bereits im 9. jahrh. ins prät. und part. gedrungen ist, so dasz im hd. ubarwintan — ubarwant — ubarwuntan mit ubarwinnan, -wann, -wunnan concurriert. ubarwintan verdrängt hier schlieszlich die dentallosen formen, die in den keron. u. paris. gloss. noch herschen. der ahd. Tatian belegt nur letztere (ubarwan 176, 5), Otfrid beide (uberwan L 50; II 11, 53; ubarwunnan I 1, 76 und ih ubarwintu V 7, 27 wir ubarwinten V 23, 93; ubarwant II 3, 68; V 4, 52; 14, 8; ubarwuntan V 14, 14), Notker nur die dentalformen. mhd. finden sich dentallose formen nach ausweis der wbb. nur vereinzelt bei md. autoren, bzw. hochd. schreibenden Niederdeutschen. ebenso ist nhd. überwinnen als wmd. bzw. nd. dialectismus zu werthen. dialectisch greift überwinnen vom nd. (z. b. Schmidt - Petersen 11ᵇ; Stürenburg 164ᵃ; Woeste 193ᵇ) ins mfr., lothring. u. hess. über (Hönig 189ᵇ; Follmann 264ᵃ; lux. ma. 197ᵃ. Crecelius 2, 833). die form überwann bei S. Franck fällt auf.
I.
überwinnen.
1)
kämpfend besiegen, im eigentl. und bildl. sinne.
als er mit seinem schwert und hand
ihm den lindwurm half überwinnen
Rollenhagen froschm. I 2, 19, 282 G.
ebenso III 3, 12, 28; da der ritter sent Joerigen den draechen oeverwonnen hayt pilgerf. d. ritt. v. Harff 2; P. v. Aelst Heymonskinder 53; ind got gaf im geluck, dat he die van Persien overwan städtechron. 13, 313; er hielte ... dafür, dasz die stadt Utrecht einen guten theil von obbemelter summa bezahlen muste, ob sie gleich bereits überwonnen wäre französ. Simpl. (1683) 2, 126. sodann: krankheit ü. J. Bökel pestordnung d. stadt Hamburg (1597) 80ᵃ; das laster Petri d. Teutschen weish. (1604/5) 2, O 3ᵃ; sein herz, s. Rollenhagen froschm. I 1, 8, 105 G.; seine begierden Kramer deutsch-holl. wb. (1787) 470ᶜ. reflex. sich ü., sich wozu zwingen, sich bezwingen: (er) überwann sich mit gütte, dasz sie ausz feinden freund worden S. Franck Germ. chron. 286ᵇ. auch absolut Rotman restitution 97 ndr. 2) jem. durch reden u. ä. bezwingen, wozu vermögen: (Ariadne) ward zuletzt durch seine sanfftmütigkeit, freundliche wort und züchtige sitten noch überwonnen de arte amandi 54. 3) in der rechtsspr.: jem. (durch zeugenaussage) überführen: dewyle he ... unse citation ... versmähet ..., ist he ... mit gerichte, ordel und rechte verfolget, overwunnen (worden) ..., als man mit rechte eynen morder ... overwynnen und verfolgen schal städtechron. 16, 530. 4) jem. ü., es ihm zuvorthun: du überwinnest mich im schreiben Orsäus nomencl. (1623) 298; einander mit tanzen und springen ü. Rollenhagen froschm. I 1, 2, 50 G.
II.
überwinden. ahd. ubarwintan Graff 1, 751, mhd. überwinden mhd. wb. 3, 679ᵇ ff., Lexer a. a. o. bedeutung: besiegen, überwältigen, überstehen. seit dem 8. jahrh. in eigentlichem und übertragenem sinne belegt.
A.
mit objectergänzung.
1)
mit persönl. subject.
a)
im kampf besiegen: ze boden schlahen oder werffen, überwinden Frisius dict. (1556) 1082 s. v. prosternere; hie hat der lawe eine maus gefangen und lest sich düncken, er habe den lindwurm uberwunden Luther 19, 604 W.; also überwand Dauid den Philister mit der schleuder und mit dem stein 1 Sam. 17, 50; wie herr Tristrant einen britannischen ritter überwande buch d. liebe (1587) 94ᵃ; Jacob, der ... mit dem schutzengel ... kämpft und ihn überwindet Herder 12, 29 S. auch vom thiere: zu dem letsten sol er im (dem falken) günnen, das er den vogel überwind und ertötte Mynsinger von den falken u. s. w. 19; der streit war so hart ..., dasz der stier zwar das ungeheuer zuletzt überwand, aber der schweisz von seinem leibe heruntertroff Grimm dtsche sagen 1, 109. im kriege besiegen: subjugare Calepinus VII ling³ (1731) 2, 395ᵇ; ahd. u. mhd., s. Graff a. a. o.; mhd. wb. a. a. o. vgl. noch:
(gott, der) dich schirnde und mahte sigehaft
an den vienden, die din hant
sluͦg und mit kreften ubirwant
Rud. v. Ems weltchron. 4311 E.
nhd.: Octavianus ... Antonium überwant und Ptolomeum städtechron. 3, 36; bischoff Wernher ... überwand die Burgunder mit hülff der Alamanniern Tschudi chron. helv. 1, 11; als er ... die Lacedemonier in der leuctrischen schlacht überwunden hat Xylander Polybius (1574) vorr. 1; könig Dietrich ... halff könig Waldreichen überwinden und das gantze Thüringerland könig Hermanfrieden unterthänig machen Binhardus thür. chron. (1613) 18; nach dem siege Carls V. bei Mühlberg, nachdem er die Deutschen überwunden hatte Schiller 8, 13 G.;
als Israel nach gottes rat
die Cananitter überwand
Hans Sachs 1, 222 K.;
der durch waffen überwunden,
hat noch lange nicht gesieget.
Logau 239, 56 E.
b)
bildlich und in abgezogener verwendung seit ahd. zeit allgemein: der mîne hende lêret in wîge ze uberwindenne mîne geistlîchen fîenda Notker ps. 17, 35. damit (mit den fünf wunden Christi) überwindet der mentsche alle sin vigint st. Georgener pred. 94, 15 R.; fröw dich o Rom ..., dann durch boszheit der menschen und nit durch din geistlichkeit hast du die welt überwunden Tschudi chron. helv. 1, 99; ein wiederspenstiges herz ü. Ramler einleit. (1758) 1, 393. den teufel, den tod, die hölle ü.: daz betütet, daz unser herre des nahtes die helle brach unde den tivel uberwant unde sine holden lidigete Lucidarius 39, 28 Heidlauf; also dikke wir widerstein getruweliche, also dikke uberwinde wir den thuvel fromecliche d. heil. regel f. ein vollk. leben 8, 27 Priebsch;
du hast den satan überwunden,
ach überwind ihn auch in mir!
Neukirch ged. (1744) 68;
(Jesus Christus,) der den tod in seinem todte überwunden Mathesius leichenreden 4, 108, 13 bibl. dtsch. schr. aus Böhmen; Herder 28, 117 S.; die hölle ü. B. Krüger aktion ... (1580) A 3ᵃ; das übel ü.: enlant iuch niecht überwunten werden von demo ubele, sunter ir uberwintent mit demo guoten daz ubele Nortperts tractat bei Piper schr. Notkers 2, einl. IV 21 nach Röm. 12, 21 noli vinci a malo, sed vince in bono malum (auch: Luther: überwinde);
sunder sterck uns durch deinen geist,
zu überwinden allermeist
bestendigklich alle anfechtung
Hans Sachs 1, 68 K.;
das exempel Christi, welcher ... alle anfechtungen überwindet volksb. v. dr. Faust 10 ndr. Br.; die andern, die nit die anfechtung uberwinden, ... die faren eyn hyn yn tzorn Luther 2, 124 W.; unsre sünden Mittler dtsche volksl. (1865) 304. in der neueren sprache mit abstract. object in breiter verwendung: gefahren ü. Herder 22, 230 S., hindernisse Göthe I 21, 80 W.; den widerstand seiner collegen 25, 1. 53 W.; schwierigkeiten Wieland Agathon (1766/7) 1, 101; alle bedenklichkeiten Tieck schr. 4, 42; die naturkräfte durch zauberei Ranke s. w. 1, 151. sodann auch: einen berg ü. trapassare Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702), 1355ᵃ; Arigo decam. 18 K.; die flüsz Fischart glückh. schiff 4, 62 ndr. eine arbeit ü., sie vollbringen: superesse labori Frisius dict. (1556) 1273ᵃ; ich bin mit herz, sinn und gedancken nur an dem roman und will nicht wancken, bisz ich ihn überwunden habe Göthe IV 10, 315 W. eine körperl. oder seelische verfassung, einen trieb, eine gewohnheit u. ä. bei sich oder anderen ü., über sie herr werden, bzw. sie bezwingen, allgemein, z. b. den durst Eppendorf Plinius (1543) 7, 15; den schlaf Holtei erz. schr. 4, 113; die bangigkeit Göthe I 25, 1, 265 W.; meine faulheit IV 10, 74; sein misztrauen A. v. Arnim 12, 69; die furcht Deinhardstein ges. dram. w. 4, 79; die abspannung Fr. Hebbel tageb. 2, 209 W.; seine antipathie Dahlmann gesch. d. franz. revol. (1845) 93; dyn hertz muͦsz dick ersterben, bis das du dyn natur überwindest d. ew. wiszheit betbüchlin (1518) 6ᵃ; Hippel über die ehe (1774) 56, 29. Simrock dtsche volksb. 1, 29.
c)
der bedeutung 'verwinden, überstehen' sich nähernd: not, schaden, schmerz, krankheit ü., schon ahd., s. Otfrid V, 7, 27; 23, 93.
daz her alle sîne nôt
wol uberwinden solde
H. v. Veldeke Eneit 4109 E.;
die raittung (am jüngsten tag) die precht mir den val,
den ich do nymer überwund
pfarrer v. Kalenberg 12, 241 ndr.
bei Hans Sachs spontan mit gen. statt acc.: 4, 150, 30 K.; yhn (= sibi) selbs haben sie den schaden gethan, den sie schwerlich ... uberwinden werden Luther 15, 71, 23 W.; buch d. liebe (1587) 89ᵃ; Megiser ann. Car. (1612) 1182.
bischof Ulrich den schaden kôs,
den er niht mêr überwant
Ottokar steir. chr. 6136;
ich wil in peinigen ...,
das er den schaden nymemer überwundt
altd. passionssp. 195 W.;
die leiden der kriegsjahre ü. Treitschke dtsche gesch. 4, 8; die seekrankheit Moltke ges. schr. 6, 528; schmertzen u. kummer ü., exurgere supra dolores Frisius a. a. o. 443ᵇ; euwer hauszfraw ist in ewigem läben, hat alles unglück, angst und not überwunden Wickram 2, 77 B.;
der sawre kampff, den ich dort hab
in ewrer welt empfunden,
der ist durch gottes gnad und gab
all glücklich überwunden
P. Gerhard bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl, 3, 321.
verschmerzen:
Tristan, herre, ich enkan
noch enmac, getriuwer man,
dich überwinden iemer mê
Tristan als mönch 1297.
temporal im sinne von überstehen:
ir uberwindet disen tach
niemêr mit ûwern êren
H. v. Veldeke Eneit 11 780 E.;
die erst tagreisz er überwand
Scheit Grobianus 4793 ndr.;
und so wäre denn auch der kürzeste tag (des jahres) überwunden Göthe IV 28, 349 W., ein ganzer tag war noch zu überwinden, bevor ... Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 216. überleben: sol er dieser wunden, so er meinetwegen empfangen hat, sterben, so überwinde ich den tag nimmermehr buch d. liebe (1587) 104ᶜ.
d)
aus a) verengt: durch gründe im redekampf besiegen: überweisen, überzeugen, s. Frisius dict. (1556) 330ᵇ; 1159ᵇ s. vv. convinco, revinco; in der neueren sprache veraltet. zu dieser bedeutung führen verwendungen wie: also sol dise welt überwunden werden mit gotis worten, die die lerer sprechint Lucidarius 40, 22 H. weyl unser bruͦder die romanisten ... so dick und oft durch guͦt gegründt ursachen überwunden Hutten opera 1, 383 B.; ich wil ... mit schrifft ubirwunden sein, nit mit ungewissen ... leren der menschen Luther 7, 663 W.; ketzerey ..., die uberwinde man ... mit gottis wortt 11, 270 W.; das ich weder mit geschrifften noch mit vernünfftigen ursachen binn überwunden worden Eberlin v. Günzburg 2, 97 ndr. in der älteren rechtsspr. für überführen. seit ahd. zeit, s. Graff 1, 752; Lexer handwb. 2, 1680 f.; Scherz gloss. 1709. mit gen. d. sache oder abh. satz: wirt er des überwunten, so habent die purger vollen gewalt daz si in absetzent städtechr. 15, 395; so eyn ehemann eynen andern ... umb des ehebruchs willen ... peinlich beklagt und des überwindet, derselbig ... Carolina 120; swelher ... ainen mainen ait swert ... und daz er des überwunden wirt, ... der ist ... Nürnberger polizeiordn. 9 B.; der diebe adir roub heldit ..., wirt her des abirwundin, man sal ... Neumarkter rechtsb. 141; ob ein weib uberwunden würde, das si ... ihres mannes todt suchet ... sächs. lehenrecht (1589) 84ᵃ; dweil sie ... irer mishandlung so clarlich überwunden sind, ... Sleidanus reden 202 B.; also warden vil überwunden, das sie meineidig waren Pauli schimpf und ernst 136 Ö. in etwas: zuͦ letst ward er verklagt ... und in vil todtswürdigen stucken überwunden S. Franck chronica (1531) 129ᵃ. hierzu part.: ein überwundner missethater Carolina 31; das überwundene unđ unrecht befundene theil (= partei) Herttwig bergb. (1734) 122ᵃ; aber auch: so ... ein person einer genugsamen, unzweifelichen, überwundenen ... missethatt halben ... gestrafft werden sollte Carolina 10; so iemandts zuͦ ... betzalung seiner überwunden schulden gefäncklich gehalten wurde, ... d. neu laienspiegel (1518) 133ᵃ. mit doppeltem acc.: Husz hat den bapst einen widerchrist überwunden und überzeugt Agricola sprichw. 218. passiv gewendet: er ward ein zerstörer der ee überwunden Keisersberg post. 4, 21. ähnlich: wo er aber ... aufruhrisch überwunden wurde Luther br. 3, 28 de Wette.
e)
aus a) abgeleitet: im wettkampf jem. ü., sodann allgemein für übertreffen, mit, bzw. in, an etwas. α) (er) mocht mit louffen, springen noch mit ander geradikait von niemant werden überwunden N. v. Wyle translat. 17, 26 K.; ein jeglicher den anderen mit freygebigkeit überwinden wolt Kirchhof wendunmuth 437ᵃ; (es) erwachsen newe kämpffe, ... dweil ye einer den anderen mit trunckenheit und füllerey zu überwinden untersteht Ambach vom zusauffen D 1ᵃ; Murner bei Hutten op. 5, 457 B.; einander in einer battalia mit sauffen zu überwinden Grimmelshausen Springinsfeld 2, 26 K.; mit glantz der reichthumb diejenigen ü., die gar grosze graffschaft haben Schupp schr. (1663) 735; eher ich mich von dem cavalier mit der höflichkeit hätte überwinden lassen, eher würde ich crepirt seyn ollapatr. 136, 3 Wiener ndr.; Florindo wolte sich in der freudensempfindung von seiner gebieterin nicht überwinden lassen Chr. Weise die drei klügsten leute (1675) 1; elender, dessen ... weib ... ihn in männIichen tugenden gar überwindet! Herder 13, 321 S.; an wissenschaft ... die gelehrten selber ü. Opitz Zlatna 1, 126; dafern aber ich euch an wurff (= im werfen) überwind, so gehört euer rosz mir zu Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 13. β) übertreffen: die vorstellung eines kampfes ist verblaszt in wendungen wie: daz iz (das haus) in scôni die sternen uberwunde Notker 1, 842, 8; will sich ain mensch erheben durch sterck, so wirt er von aim thier überwunden A. v. Eyb sp. d. sitten (1511) B 3ᵃ;
den frischen schnee an weisze überwindet,
das elfenbein an glätte die gestalt (Olimpias)
A. W. Schlegel Athenäum 2, 271.
f)
jem. zu etwas bewegen, überreden, s. mhd. wb. a. a. o. im älteren nhd. nur verengt für bestechen, heute auszer gebrauch. der gezüg ... sol weder dur liep noch dur laid sprechen won die rehten warhait, won lat er sich mit dehaim ding überwinden, so ist er nüt rehter gezüg die sog. s. Georgener pred. 322, 30 R.; bei dem tier (tarondus) versten wir die werltlichen läut, die ir pfarrer und ir predigær mit gaben überwindent, daz si ... si ir poshait lâzen treiben Conr. v. Megenberg buch der natur 133, 23 Pf.; ain hütter, der sich weniger lasz mit mieth und gaben überwinden Schaidenreisser Odyssea (1537) 73ᵇ.
2)
mit abstractem subject: besiegen, überwältigen.
a)
hunger, durst, zorn, schmerz, krankheit überwindet jemanden:
mit diser milch euch laben kindt,
eh euch der hunger überwindt
Endinger Judenspiel 36 ndr.;
mich überwindt ungestümikait N. v. Wyle transl. 30, 2 K.; die liebe überwand in Boltz Terenz (1539) 46ᵃ; Gilhusius grammatica (1597) 3, 7, 77; des überwandt sie (die sabinischen frauen) ... der ellendig jammer, das sie ... Carbach Livius 6ᵛ; der zorn überwandt ihn buch d. liebe (1587) 2ᶜ.
welchs (das fieber) mich dermassen überwandt,
das mir all leibeskrafft verschwandt
Ringwaldt christl. warn. B. 3ᵃ;
nieder fiel der greif zur erde,
weil der schmerz ihn überwand
Tieck schr. 1, 117;
man solte ... sich keine bosheit noch schendlichen undanck uberwinden lassen Luther 32, 401, 18 W.;
als sich Noe ...
den wyn hatt überwinden lassen
H. R. Manuel weinspiel 4109 ndr.;
allein lasz dich nicht überwinden
zu hart den zorn
Spreng Ilias (1610) 5ᵇ;
also überwand unser frowen hilf ... des bösen feinds krafft summerteil der heyligen leben (1472) 6ᵃ; es sein ja siben todtsünden ... ergo so müssen auch siben sacrament sein, die diese sünden vertreiben und überwinden Fischart binenkorb (1588) 179ᵃ; der sonnenschein die finster des nebels überwunden hatte buch d. liebe (1587) 119ᶜ; vielleicht möchten ewere zähern der feindt hertz überwinden theatrum amoris (1626/31) 2, 103; die natur ... überwind die kranckheit Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 16; endlich hat die zeit den kummer überwunden E. v. Kleist 1, 63, 11 S.; die zuversicht auf den himmel überwindet die hölle E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. D. 1, 264; dennoch überwand seine liebe alle schwierigkeit A. v. Arnim s. w. 1, 277; Leontins heiterkeit und sein guter wein ... überwanden bald alle müdigkeit Eichendorf s. w. (1864) 3, 202. sprichwörtlich: liebe überwindet alle ding N. v. Wyle transl. 32 K.; das geldt Tappius adagiorum centuriae 7 (1545) O 7ᵃ.
B.
reflexiv: sich überwinden
1)
animum vincere, coercere cupiditates Schönsleder (1632) H h 7ᵇ; sich selbs überwinden (ist) die gröszt sterck S. Franck paradoxa (1558) 196ᵇ; sich selbst überwinden ist wider sich selbs streitten Albertinus zeitkürtzer (1603) 17; ich will mich überwinden und diesen abend alles vergessen, was meine gemüthsruhe stören kann Abbt verm. w. (1768/81) 6, 3, 33;
wer sich nicht kan überwinden,
wird ein sklave seiner sünden
Neukirch anfangsgründe (1724) 52.
2)
sich zu etwas mit mühe entschlieszen: Drusus ware zwar schwerlich hierzu zu bereden. doch überwande er sich endlich und besuchete sofort den Tiberius A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 35. mit abhäng. satz: ich kann mich unmöglich überwinden, die menschen für so bösartig anzusehen Wieland w. (1794) 7, 47; gestern konnte ich mich ... nicht überwinden, nochmals zu ihnen zu gehen Göthe IV 10, 254 W.; kaum überwand sie sich, ihn nur zu sehen Mörike w. 3, 54.
C.
absolut gebraucht für siegen, die oberhand gewinnen, in eigentl. u. bildl. sinne, wobei das elidierte obj. aus dem zusammenhange sich ergibt als den feind, die versuchung, sich, die enttäuschung, das leben: unser herre manet uns, daʒ wir striten, und hilfet uns, daʒ wir gesigen und überwinden die heil. regel f. ein vollk. leben 8, 29 P.; also haben mit listen überwunden, die mit waffen nit hetten mögen obsiegen S. Franck chron. Germ. (1538) 85ᵃ; wer überwindet, des nam wirt ich nit abwischen B. v. Chiemsee teutsche theol. 132;
ach mutter, dich nicht wiedersetz
dem, der doch überwind zuletz
gr. dramen 1, 209 Dähnhardt;
hilff kämpffen ritterlich,
damit wir überwinden
P. Gerhard bei Fischer - Tümpel ev. kirchenl. 3, 345ᵇ;
im dulten will ich noch überwinden! maler Müller w. (1811) 2, 304;
wer überwindet, der gewinnt
Göthe I 14, 139 (Faust I, v. 2835) W.;
in ihrem alter überwindet man ja noch so leicht! G. Hauptmann einsame menschen 2, 113. euphemisch für sterben (s. oben den beleg aus Wickram).
ietz geh ich zur ewigkeit,
bald, bald hab ich überwunden
bibl. ält. schr. d. Schweiz I 4, 100;
vielleicht hat mein freund bis dahin überwunden (= ausgerungen) Miller Siegwart (1777) 1, 44; Marianne hat überwunden ..., sie starb im frühling Pfeffel pros. vers. (1810) 2, 70. subst. inf.: dweil unsers ... lebens anfang, mittel und endt, das ist die geburt, das wachssen und überwinden, in gottes wort stehet Hermann erzbisch. von Cöln reform. (1545) 8ᵃ. bei unpersönl. subj.: die oberhand gewinnen, behalten: und die wasser überwunden groslich auff der erde erste dtsche bibel 3, 64 (vulg. gen. 7, 19: praevaluerunt; Luther: nam uberhand und wuchs so seer); und ob ihr werdent gifft trincken, es wirt euch nit schaden, so nun das gifft nicht überwindt, sondern gehet ohne schaden, ... Paracelsus op. (1616) 1, 256 H.; (eine bähung,) darinnen doch der essig überwinde Sebiz feldbau (1579) 90; wo boszheit und falschheit überwindet, da hilfft keine freundtschafft buch d. liebe (1587) 87ᶜ; aber sein vorsatz, fromm zu seyn, überwand doch Grimmelshausen 4, 768 K.; zwey leidenschaften ... zerreiszen ein hertz: welche von beyden wird überwinden? Ramler einleit. (1758) 2, 284. heute veraltet.
D.
part. präs. überwindend in adj. function für siegreich ungewöhnlich: victoriosus Stieler 2545; welche ... gottesfürchtig und böser begierden eines überwindenden gemüts seindt Thurneisser magia A 2ᵃ; auf jeden antrag des Satans folgt eine helle überwindende antwort, gegen welche der Satan nichts mehr zu erwiedern hat Löhe evangelienpost. 1, 146; ein überwindendes talent ..., sich bey den weibern in gunst zu setzen Wieland Agathon (1766/7) 2, 88; eine zuvorkommend - überwindende menschenliebe Herder 20, 176 S.; eine verzeihend-überwindende groszmuth 254; wie kommts aber, dasz diese siegesgöttin bisher noch keine überwindende reden gehalten hat? Bettine dies b. gehört d. könig (1843) 2, 366.
E.
part. prät. überwunden in adject. u. subst. function allgemein: sich gegen den überwundenen barmherzig ... erzeigen M. I. Schmidt gesch. d. Dtschen (1778 ff.) 3, 92; also wurden die überwinder zu überwundenen Birken vermehrter Donaustrand (1684) 82;
und wenn der überwundne klug ist,
gesellt er sich zum überwinder
Göthe I 5, 1, 140 W.;
weil des liedes stimmen schweigen
von dem überwundnen mann
Schiller 11, 394 G.;
sich überwunden geben, s. Weckherlin ged. 1, 117 F.; Schiller 3, 426 G.; Meiszner Alcibiades (1781) 1, 68. comp. selten: die leidenschaft kämpft desto heftiger, je überwundener sie sich fühlt Baader s. w. 11 (1850), 188. formelhaft: ein überwundener standpunkt, nach Ladendorf schlagwörterb. 318 seit 1839 üblich; s. auch zs. f. dtsche wortforschung 2, 309; ein längst überwundener standpunkt Mommsen röm. gesch. 1, 148. sodann ein überwundener dichter (= aus der mode gekommen, über den man hinaus ist): K. Bauer comödiantenfahrten (1875) 53; Gutzkow ges. w. 3, 165.
überwinden v
Fundstelle: Lfg. 5 (1932), Bd. XI,II (1936), Sp. 662, Z. 47
untrennbare verbindung. 1) überwickeln, circumvolvere, circumnectere Stieler 2542; ein degengefäsz mit silber drat bewinden ò überwinden Kramer teutsch-ital. dict. (1702) 2, 1353ᵇ; dieselben (faszreifen) soll man mit grobem hanf überwinden Fronsperger von geschütz u. feuerwerck (1564) 10ᵃ; eine ... kugel ... mit einem ... faden überwinden Gäbelkover artzneyb. (1595) 2, 66; Spangenberg anbindbr. H 8ᵇ; mit wolle überwundene höltzlein Lohenstein Arminius 2, 195. scherzhaft spielend mit der doppelbedeutung der homonymen: überwinde das böse mit dem guten, sagte der seiler, da spann er hanf über die heede Schulze bibl. sprichw. 171. 2) locale verwendung: die hand ü., durch zu starkes winden (z. b. der wäsche) die hand verrenken: ich habe mir die hand überwunden Anton Oberlausitzer wörter 5, 9. 3) als trennb. verb. in bedeutung 1) mit der construction etwas über ein anderes ü., aufwinden bei Campe 5, 57ᵇ gebucht.
Zitationshilfe
„überwinden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/%C3%BCberwinden>, abgerufen am 13.11.2019.

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