übermenschlich adj. und adv.
Fundstelle: Lfg. 3 (1921), Bd. XI,II (1936), Sp. 418, Z. 75
seit anfang des 16. jahrh. belegt.
A.
adj.: supernaturalis, plus quam humanus, quod non convenit mortalibus Steinbach 2, 47.
1)
synonym mit übernatürlich, überirdisch, wunderbar, göttlich.
a)
bei abstracten: do der bösz geist sah ... dasz er (Christus) so lang was in der wüste und 40 tag und 40 nächt fastet, das do übermenschlich art ist noch gemeynem louff Keisersberg postille 2, 14ᵃ; noch geben sie für, yhrer gehorsam sey ubermenschlich, vollkomlich und gleych engelisch Luther 10, 2, 82 Weim.; da sehet seine (des teufels) teufflische und übermenschliche schalckeyt 19, 118 Weim.; die wunderwerck ... durch die menschen geschehen vermittelst einer ubermenschlichen krafft Joh. Nas das antipap. eins und hundert (1567—69) 5, 146ᵇ; (von Bodin wird getadelt) das er viel zu viel auff der rabinen schrifften ... verpicht ist, und ausz ihnen die übermenschlichsten sachen und unergründtlichsten geheimnussen unterstehet zu erforschen Fischart Bodin (1591) vorrede; wie köndten wir die erden bawen, und wissen dieselben zu herschen, wie ihr zugehört, so wir nit ein ubermenschlichs liecht hetten das uns lehrnete? Paracelsus opera (1616) 1, 114; Plato hat gesagt, dasz selbiges (die entstehung der wörter) geschehen were per potentiam aliquam, quae humanam superat, durch ein übermenschliches vermögen Schottel teutsche haubtsprache (1663) 64; (Miltons epos mag) ein himmlisches und göttliches gedichte genennt werden, weil darinne lauter personen von übermenschlicher natur und aus einer andern sphär eingeführt werden J. Breitinger critische dichtkunst (1740) 2, 69; nur aus übermenschlichen thaten, aus völlig wunderbaren begebenheiten schlossen die helden, dasz hie oder da ein gott seine hand mit im spiele haben müsse Herder 3, 112; blindgebohrnen zum gesichte zu verhelffen gehören übermenschliche kräffte Göthe I 38, 271 Weim.
ü.
grösze: es giebt deren (der bildsäulen) aber wirklich eine grosze zahl in übermenschlicher grösze neuest. aus d. anmuth. gelehrsamkeit 3, 204; durch den kothurn zu übermenschlicher grösze erhöht Fouqué gefühle, bilder (1819) 2, 63. prädicativ: (die sprache ist) bald so übermenschlich, dasz sie gott erfinden musz, bald so unmenschlich, dasz jedes thier sie erfinden könnte Herder 5, 46; warum schrauben wir jeden zug im leben Jesu so hoch? warum machen wir alles menschliche in ihm so un- oder übermenschlich? 10, 383; wenn die homerischen helden wenigstens an kraft und grösze oft übermenschlich und göttlich erscheinen Fr. v. Schlegel sämtl. werke 1, 46.
b)
substantiviert: di so al ir synn ... auf ... wollust ... werffen, mögen nichts ... herlichs oder übermenschlichs zu gemüt nemen oder ansehen Schwarzenberg Cicero (1535) 70; da er (Muhamed) nun also von Christo viel gehalten, und ihm etwas übermenschliches und göttliches zugeschrieben Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 277ᵃ; und so schlieszen wir auch unsere idyllenregion, oder vielmehr ... befreunden wir uns mit etwas höherem, übermenschlichem Göthe I 49¹, 322 Weim.; weil aber hierin (in der vollständigen resignation) wirklich etwas übermenschliches liegt, so werden solche personen gewöhnlich für unmenschen gehalten, für gott- und weltlose 29, 10 Weim.; der sie (Göthe) ein freund alles menschlichen und ganzen und positiven und nur feind der sich mit dem über- oder untermenschlichen nichtiger weise brüstenden halbheit sind Z. Werner an Göthe (1811) in schr. der Göthegesellsch. 14, 59; der innige zusammenhang der poesie ... mit religion, mit jedem höher menschlichen ... verursacht, dasz in unserer zeit des geschwächten glaubens ... das geistige und übermenschliche anders behandelt wird und werden musz, als in der zeit der glaubensstärke und zuversichtsmacht Meyern hinterl. kl. schr. 3, 146; ihre (der sage) gestalten wachsen ins übermenschliche, ihr verschwimmen zuletzt völlig die grenzen zwischen der menschlichen und übermenschlichen welt, der geschichtlichen und der keiner geschichte fähigen B. Weisz leben Jesu 1⁴ (1902), 137.
c)
bei concreten: man hat ... das wirken des genius ... als das wirken eines ... übermenschlichen wesens angesehen Schopenhauer 1, 256 Grisebach; sobald man in ihm einmal ... den Messias sah, so lag darin schon ein anlasz, diesen als ein übermenschliches wesen zu betrachten Strausz ges. werke 4, 51; ein übermenschliches wesen, sei es eine gute fee oder die königin der nacht O. Jahn Mozart 4, 645; seine dichter hatten ihm unaufhörlich von seiner verwandtschaft mit den ehemaligen übermenschlichen beherrschern der welt vorgesungen Novalis schr. 4, 81. substantiviert: sprich nicht so furchtbar, ... dasz nicht die übermenschlichen (die sturm- und nachtgötter) drauszen es hören und dich an deine rede mahnen G. Freytag ges. werke 8, 165.
2)
in weiterer verwendung: über den menschlichen durchschnitt, über menschliches vermögen, menschliche kraft hinausragend. synonym: auszerordentlich; theils mit, theils aber auch ohne einschränkendes 'fast', 'beinahe'.
a)
bei abstracten:
α)
der cardinal Borromäus war ..., ein mensch von beynahe übermenschlicher kraft zu allem guten Zimmermann über die einsamkeit 4, 407; wirklich sind seine (Confucius) schriften ... so voll nichtsbedeutender denksprüche, dasz eine fast übermenschliche geduld dazu gehört, sie ganz durchzulesen F. H. Jacobi werke 6, 297; mit fast übermenschlicher gewalt trägt er die sträubende mitten durch die flammen Eichendorff sämtl. werke 3, 370; Mirabeaus thätigkeit war ungeheuer, man möchte sie übermenschlich nennen Dahlmann gesch. d. franz. revolution 327.
β)
o der übermänschlichen gedult vieler männer! o der groszen boszheit vieler weiber Moscherosch gesichte (1650) 2, 334; die Römer machten übermenschliche anstrengungen, das unmögliche auszuführen Niebuhr röm. gesch. 3, 589; es scheint mir höchst merkwürdig, wie häufig menschen, ... wahrhaft übermenschliche energie und ausdauer entwickeln, sich auf unerlaubte weise geld zu verschaffen Holtei erzähl. schr. 5, 145.
b)
bei concreten: (vom evangelisten der vom πνεῦμα erfüllt ist): ein übermenschlicher, ein inspirirter schriftsteller! Lessing 13, 65; der fast übermenschliche Newton G. C. Lichtenberg briefe 2, 175; eine ... erhebung des volkes ... konnte ... gegen einen übermenschlichen einzelnen nichts ausrichten schr. d. Göthegesellschaft 14, XIV; von dem übermenschlichen ... Michel Angelo bis zu dem manierirtesten Spranger waren kaum einhundert jahre nöthig, um die kunst ... herunter zu ziehen Göthe I 49¹, 58 Weim.; sie lernten ... einen mann kennen, einen wunderbaren mann, einen mann, der mehr zu sein schien als ein mensch ... dieser übermenschliche mann ... Immermann werke 3, 110.
3)
im 17. jahrh. ähnlich wie himmlisch göttlich zum bloszen höflichkeitsattribut verblaszt: an das allhie versamblete übermenschliche frawenzimmer Weckherlin ged. 1, 49; an sein liebes leben, die übermänschliche Rosemund Zesen vermehrter Helikon (1656) 2, 11; Plato der ... übermenschliche philosophus Happel akad. roman (1690) 718; davon auch obbemeldter seel. Jacob Böhm in seinen übermenschlichen schrifften ... unwiedersprechlich bezeuget A. v. Franckenberg nosce te ipsum (1676) 9.
B.
adv.
1)
über das masz des menschlichen hinausgehend; bei verben u. adj.
a)
übermenschlich reden, singen, wirken u. s. w., parlare, cantare, operare, divinamento, miracolosamento v. göttlich Kramer dict. (1702) 2, 48ᵃ; diese alle haben nicht menschlich geredt, sondern übermenschlich Paracelsus opera 1, 379 Huser; ihro magnificenz denken so übermenschlich, dasz ein gemeiner verstand als der meinige weder sinn noch zusammenhang darinn antreffen kann briefe die neueste litt. betreffend (1764) 19, 175.
b)
die Gallier das volck küns gemuͦts und übermenschlich groszes leibs S. Franck chron. (1531) 72ᵃ; Lavater, ein groszer originalkopf und zuweilen fast übermenschlich kühner denker Zimmermann über die einsamkeit 2, 102 anmerk.; zwei übermenschlich schöne ... jünglinge Mommsen röm. gesch. 1, 408; ein heldengedicht, eben so herrlich, so übermenschlich grosz, wie die Ilias! E. Th. A. Hoffmann 13, 155 Grisebach;
übermenschlich stark sind deine glieder,
dich gebahr kein weib!
maler Müller werke 2, 310.
2)
zu bloszem steigerungsadverb verblaszt, z. b.: übermenschlich essen Voigtel wb. 3, 443ᵃ; es gehört eine übermenschlich gute natur dazu, um so etwas auszuhalten Storm werke (1899) 3, 29; ich habe ihn so übermenschlich lieb gehabt E. Höfer aus der weiten welt (1861) 1, 3. —
Zitationshilfe
„übermenschlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/%C3%BCbermenschlich>, abgerufen am 21.08.2019.

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