öde f.
Fundstelle: Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1145, Z. 62
ahd. ôdî, ôthî, aodî und ôdhîn (Isid. 24, 15 Weinhold), mhd. œde, in oberd. mundarten die öde und die öden, lusern. das öad (d. i. das substantivisch gebrauchte neutrum des adjectivs). Zingerle 45ᵇ. im goth. kein auþei (stamm auþein) sondern nur die ableitung auþida, ἐρημία. nhd. die einöde (th. 3, 240) ist schon durch die ahd. mhd. nebenform einôdi, einœde an öde angelehnt, hat aber damit nichts zu thun, da es nur eine ableitung von ein ist: ahd. einôti, mhd. einôte, einœte f. und n. Entsprechend den zwei hauptbedeutungen des adjectivs bedeutet die öde
I.
die leere, das ödesein.
1)
unangebaute und unbewohnte gegend, die einöde, wüste; ein unbebauter, öd liegender grund und der zustand desselben: diu halbe œde, diu zuo dem house gehœrt. urkundenbuch des landes ob der Enns 4, 151 f. (vom j. 1291); all diu guot und œd die darzuo gehœren. monum. Zoller. 3, 200 (vom j. 1348); es sei huben oder öden. österr. weisth. 6, 515, 12. 27 (15. jh.); die öden (unbebauten huben) zu erhaltung der manschaft zu besetzen. 339, 37 (16. jh.);
o du der schönen öde bach (die Bode bei der Rosstrappe).
Klopstock 1, 262;
müde labet auch wohl schatten am weg
in der öde.
2, 142;
als er noch in der öde von Galiläa herumzog.
Mess. 7, 110;
welch ein himmlischer garten entspringt aus öd' und aus wüste.
Göthe 2, 133;
öde trauert umher (um das grab).
Hölty 57 Halm;
ich würde dann die schweigende öde (vorher die ewige wüste) mit meiner phantasie bevölkern. Schiller 2, 163 (räuber, schausp. 4, 5); man sieht .. hinter sich gelaszne öden. Stolberg 8, 26;
aus Deutschland .. zu des fernen Astrakans öden.
v. d. Lühe, Matthissons lyr. anthol. 12, 12;
als er lang nach jenen öden (vorher jener wüsten haide)
den scheuen blick gedreht.
Schulze Cäcilia 14, 45;
unten erwacht er vom sturz und schaut rings felsige öde.
Kinkel ged. (1857) 115.
2)
ein verlassener oder zerstörter ort: das ausz der stat (durch die angedrohte ausbrennung) nicht gar ain ödn werde. Chmel urk. Maxim. nr. 255; einsam liegende örtlichkeit, abgelegener bauernhof. Lexer kärnt. wb. 201; einsame, unbelebte, wie ausgestorbene örtlichkeit oder in der man sich einsam, fremd und verlassen fühlt; die einsamkeit, verlassenheit:
ich sangs in der öde des hains.
Klopstock 2, 17;
die welt war stumme
öde mir, tag war nacht!
186;
verdammt zu .. der öd (1748 einöd).
Mess. 3, 618;
hast du begriff von öd' und einsamkeit?
Göthe 41, 73;
gränzenlos, von eigensinngem lieben
wird er in die öde fortgetrieben.
5, 33;
was für neue lebenskraft
mir dieser wandel in der öde schafft.
12, 172;
hier in der fremden menschenreichen öde
umfang ich die vertraute schwesterbrust.
Schiller 13, 299 (jungfrau von Orl. 4, 9);
ich bin verbannt und flüchtig,
doch in der öde lernt ich mich erkennen.
316 (5, 4).
3)
öder, das gewohnte und wünschenswerte entbehrender zustand, der das gefühl des verlassenseins erzeugt; äuszerlich und innerlich:
so lang die rache meinen geist besasz,
empfand ich nicht die öde meiner wohnung.
Göthe 9, 13 (Iphigenia 1, 3);
die öde seiner wohnung und ein kinderloses alter wecken den alten wunsch (sie als gattin zu besitzen) lebhafter in ihm auf. Schiller 6, 255;
immer öder
wird die öde! immer schwerer
wird das herz.
14, 55 (braut von Mess. 2, 1);
um sich nach dem tode seines fürsten von der öde eines so groszen verlustes in freier natur zu erholen. Göthe 60, 304; er fühlte die öde seines daseins. Freytag ahnen 5, 315.
4)
der leere, nüchterne magen und das dadurch erzeugte gefühl der schwäche Staub-Tobler 1, 97: als aber der bûch fasten muost, fiengent hend und füsz mit den andern geliden ouch an ze blöden. als sie daʒ merkten, wolten sie dem bûch die spys wider haben geraichet, do wolt sie der bûch nit enpfahen, wann die weg warent verschmorret und kundten sich vor ödy nit uff getuon. Steinhöwel Es. 164 Öst.; auch der theil des leibes, der schwächer und schmäler ist als der ober- und unterhalb liegende, die weiche (vergl. mhd. krenke): der mittelbauch, weiche oder öde. Thurneisser von probierung der harnen (1576) 27.
5)
kärnt. und wol auch anderwärts (nach dem adjectiv 3, b) geschmacklosigkeit (der speisen), abgeschmacktheit, fadheit Lexer 201.
II.
Die abgeleitete bedeutung kennt das ahd.: aodî, ôthî, facilitas Steinmeyer-Sievers 1, 140, 17.
od, ode
Fundstelle: Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1141, Z. 66
s. oder.
öde, öd adj
Fundstelle: Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1142, Z. 20
ein altes gemeingermanisches wort: goth. auþs (stamm auþja); ahd. ôdi, aodi, ôde; mhd. œde, ôde; nhd. öde, öd (baier.-österr. êd, ead); alts. ôđi, ôþi; mnl. oed, ood (Kil. 341ᵇ); ags. eáđe, êđe; altn. auđr. — das wort scheint mit dem urverwandten lat. ô-tiu-m (statt autium) durch ableitendes tja aus der wurzel au (zend. û) 'mangeln, leer sein', die auch dem goth. vans, mhd. wan (s. wahnsinn, wahnwitz), dem griech. εὖνις und dem lat. vacare zu grunde liegt, sich gebildet zu haben, vergl. Fick³ 3, 5. wegen der in einigen gebieten vorkommenden bedeutung 'leicht' zwei etymologisch verschiedene wörter anzunehmen (Kluge 243ᵇ) ist unnöthig, da die bedeutung 'leicht' aus der grundbedeutung 'leer' ohne schwierigkeit zu erklären ist. vergl. Graff 1, 150. Schm.² 1, 39.
I.
Grundbedeutung 'leer', oft verbunden mit sinnverwandten ausdrücken.
1)
zunächst leer an menschen und an lebenden wesen.
a)
von gegenden und ländereien, die unbewohnt, verlassen und unbebaut, wüst und unfruchtbar oder verödet sind: goth. nur in der verbindung mit staþs (ἔρημος τόπος): in auþjamma stada Luc. 9, 12; ana staþ auþjana 9, 10. Marc. 1, 35; mhd.
der tiere wart sô vil erslagen
von sîner vrechen hende balt,
daʒ œde stuont der wîte walt,
und man niht wildes drinne kôs.
Konrad troj. krieg 6234;
(sie kamen) durch die œden heide,
der Idrogant hete gepflegen,
deu von im œde was gelegen.
H. v. Neustadt Apell. 10718;
nhd. den garten öde (unbebaut) lassen. Bocc. 170, 6 K.; öde (unbesetzte, leere) hueben. österr. weisth. 6, 276, 42 (15. jahrh.); es seien öde oder besetzte güeter. 287, 31 (vom j. 1542); die albin .. ödt (unbenutzt) steen lassen. 14, 22 (vom j. 1577); ich schawet das land an, sihe, das war wuͤst und oͤde. Jer. 4, 23; sie haben meinen schoͤnen acker zur wuͤsten gemacht, sie habens öde gemacht. 12, 10; er ist in ein öde au verschickt worden. Aventin. 4, 167, 11; das öd (deserta) Arabien. 677, 21, vergl. 683, 33;
(das land) gantz unerbawen, oͤd und weit.
Murner En. (1559) B 4ᵇ;
inseln, ein teil oͤd, ein teil mit leuten bewohnet. Frank weltb. 207ᵇ;
ich sterb in dieser insel öd.
H. Sachs 8, 146, 20;
derhalben durch raub, mord und brand
od ligt schier unser gantzes land.
8, 6, 22;
die felder liegen oͤd.
Soltau volksl. 469 (vom j. 1622);
der ungemachte klosz (chaos) lag öd und ungestalt.
Opitz (1639) 1, 33;
an der ödesten gegend (des wilden waldes). d. j. Göthe 2, 141;
denn uns (bächlein) friszt, in öder wüste,
gierger sand.
2, 32;
wüsten öd und schauerlich.
Schiller 1, 295;
unter grauen haaren würde ich mich feige schelten, hätt ich, gleitend ins unbekannte land, nur die hälfte meines wegs zurück gelegt, indessen vorwärts und um und um regionen blüheten, die ich öde gelassen. 2, 392; da trat plötzlich in einer öden gegend ein mann von wildem ansehen ... hervor. Langbein schriften 11, 32;
durch die haide streift er nach der öden
riesigen waldung.
Platen 4, 262;
vergleichend und bildlich: mein garten lieget öde. polit. stockf. 127; auch kann es dargethan werden, dasz es für die meisten, die sich gezwungen herumtreiben in einem öden felde des lebens .., doch einen zufluchtsort gibt. Börne 5, 6;
verblühet hinter mir die jugend lieget,
wie ödes feld, das keine frucht getragen.
W. v. Humboldt sonette 218.
b)
von straszen und verkehrsplätzen, die nicht belebt, wie ausgestorben sind: mhd.
œde und ungetriben
wâren die strâʒe.
Br. Philipps Marienleben 2772;
nhd. die von den schaaren fremder gäste .. belebten straszen der stadt waren wieder öde geworden. J. Grimm kl. schriften 1, 36; nach dem vorüberrauschen eines bahnzuges hat der haltpunkt immer etwas besonders ödes. Auerbach ges. schriften 1, 346; ein öder (desolate) schatten (ein abgelegener und unbelebter schattiger platz). Schiller 13, 111 (Macb. 4, 6; eines schattens öde. Tieck Macb. 4, 3).
c)
von örtlichkeiten, wohn- und versammlungsstätten, die verlassen, verfallen oder zerstört sind: ahd. sie machôton lêrusalem also wuosta alsô die huttun dero obazo, die man in demo boumgarten tuot, diu danne ôde stât, sô daʒ obaʒ în gelesen wirt. Notker ps. 78, 2; mhd.
diu kirche ist œde, ir sult den pfaffen suochen anderswâ.
minnes. frühling 244, 76;
œdeu dörfer man dô vant.
H. v. Neustadt Apoll. 8987;
nhd. wie er .. in die stat in ein öds hausz komen sei. Chmel urk. Maxim. nr. 255; das oͤde gemeuer. Bocc. 114, 37 K. (etlich alt gemeuer. 113, 38); unter den heiden ist sie (Babel) die geringste, wuͤst, dürr und oͤde. Jer. 50, 12; wo nicht die viel heuser sollen wuͤste werden und die groszen und feinen oͤde stehen. Jes. 5, 9; es ist ein pallast und lusthausz gewesen, aber ietzt der merteil ein steinhauf voll verfallens und oͤdes gepeuws. Frank weltb. 16ᵇ; wann er sy so hart und nit nach irm willen halten wöll, so wöllen sy die statt oͤd lassen. 207ᵃ;
all werkstat sah ich öd und leer.
H. Sachs 7, 416, 38;
ich (der unfleisz) mach gar manche öde schul.
5, 319, 11;
die wirdtschaft wil werdn sprödt,
unser hausz ist von gesten ödt (wird von gästen nicht mehr besucht).
14, 290, 23;
bald in öde schlösser,
in wälder bald, geführt.
Hölty 9 Halm;
besonders von ausgebrannten stätten:
in den öden fensterhöhlen
wohnt das grauen.
Schiller 11, 312;
bildlich:
wie öde, hohl und leer
liegt alles vor mir da, und ausgebrannt,
ein groszer schutt, die stätte meines glücks.
Göthe 9, 308 (nat. tochter 3, 2).
d)
vom welt- und luftraume: öd, einsam, taub ists droben über den sternen. Schiller 2, 181 (räuber, schausp. 5, 1); meint ihr, dem arm des vergelters im öden reich des nichts zu entlaufen? 2, 185; wenn seine klagen in der öden luft verfliegen. Lessing 6, 397; besteht denn der himmel unsers daseins, wie der blaue über uns, aus öder matter luft, die in der nähe ... nur ein durchsichtiges nichts ist? J. Paul Tit. 1, 17; besonders von der stillen, wie ausgestorbenen nacht (s. nacht II, A, 2, b, ε):
der öden nacht
geheimniszvolle schauer.
Göthe 9, 252 (nat. tochter 1, 1);
auch von der welt, in der man eine geliebte person vermiszt oder verliert:
öde schien die welt und leer,
weil ich noch kein herz gefunden,
das mich fest an sie gebunden.
Houwald der leuchtthurm 2, 5;
du schiedest hin, die welt ward öde.
Uhland (1879) 1, 20.
2)
überhaupt leer in verschiedenem sinne.
a)
einen mangel des gewohnten oder wünschenswerten zeigend: man lese bei dem Sophokles die beschreibung der öden höhle des unglücklichen Philoktet. da ist nichts von lebensmitteln, nichts von bequemlichkeiten. Lessing 6, 519; da sasz er nun zwischen vier öden mauern (im gefängnisse). Langbein schriften 11, 252;
zu ihm hinab ins öde burgverliesz
dringt keines freundes trost.
Schiller 14, 380 (Tell 4, 2);
öde an, leer von:
das ehebett des Odysseus
öd an lagergewand und entstellt von spinnengeweb ist.
Voss Od. 16, 35
(1781: aller betten beraubt);
ödes bette, lectus viduus Stieler 1380; vergebens hab ich mich auf das öde ehebett (vorher das einsame lager) geworfen. Geszner 1, 237; öder (kahler) scheitel. Klopstock 2, 94.
b)
in bezug auf den magen, leer von speise, nüchtern und dadurch sich schwach und unwol fühlend: weil der bär innligt, kan man keine anzeigung einigerlei speisen .. in seinem magen finden, allein dasz er etwas, doch sehr wenig feuchtigkeit noch in dem bauch hat, und kleine blutstropfen um das hertz, sonst ist der gantze leib gar oͤd und laͤr. Heyden Plinius (1571) 177; mit genetiv:
si hattend gar nüt gessen
in dryen tagen, der spys gar öd.
Liliencron volksl. nr. 461, 5;
mit ödem magen. Schöpf tirol. idiot. 479; er that, als sei der magen ihm öde. Rückert mak.⁴ 89; der das öde (nüchterne) wachen mir würzte. 87; es ist mir gantz öd. Erberg 512ᵇ; schweiz. es ist mer öd, ich fühle mich durch längeren mangel an nahrung geschwächt und unwol. Staub-Tobler 1, 95.
c)
nichts enthaltend, leer, hohl: böse oder öde nüssen. Forer bei Staub-Tobler a. a. o.; eine öde wasserblase, die in luft zergeht. ebenda (vom j. 1650); in bezug auf einen behälter: der herren silberkammer, so bald öde und ledig wird. Kirchhof milit. disc. 214; weil dann mein magen eben so leer von speisen, als der beutel öd von gelt. Simplic. 2, 35, 6; wie lang schimmern die silberweisze zähn in deinem mund? nicht gar lang, warte nur etliche jahr, so wird dein maul hersehen wie ein ödes messergesteck. Abr. a S. Clara Jud. 1, 403.
d)
ohne vermögen, zahlungsunfähig, arm: ist iemand als arm oder œde. Basler rechtsquellen 1, 118 (vom j. 1433). vergl. Staub-Tobler 1, 96.
e)
in bezug auf geruch und geschmack, der kaum wahrnehmbar ist: ihr fleisch ist gar nahe keines oder ödes geruchs. Forer fischbuch 170ᵇ.
3)
innere leerheit zeigend.
a)
liebe- und freudelos, einsam und betrübt: mhd.
mîn herze stêt mir œde,
daʒ ê gevüllet lac.
minnesinger 1, 102ᵃ;
nhd. weil ich öd und wüst
in der welt musz wallen.
S. Dach 222 Öst.;
söhne meines herzens!
ihr werdet nicht mein ödes alter trösten.
Gotter 2, 503;
nimm sie zurück die kurze lust!
nimm sie, und gieb der öden brust,
der ewig öden brust die bessre liebe wieder!
Lessing 1, 62;
eine stelle suchte der liebe schmerz,
wo es recht wüst und einsam wäre;
da fand er denn mein ödes herz
und nistete sich in das leere.
Göthe 5, 58;
die mir die jugend stahl,
das herz mir öde liesz und unerquickt
den geist.
Schiller 12, 88 (Piccol. 1, 4).
b)
ohne inneren wert und gehalt.
α)
von rede, gesinnung, betragen und handlung, gehaltlos, wunderlich, abgeschmackt, albern, eitel, nichtig, unnütz: mhd. œdeʒ klaffen, œde rede, gebærde (Lexer 2, 141); nhd.
du hast vil ödes klaffen in dir.
fastn. sp. 396, 14;
si tragen öden sin also.
397, 3;
also nach mancherlei öden thädingen (doppo molto cianciare) das thorecht fräwlein wider zu haus gieng. Bocc. 88ᵇ; er sprach zu der frawn, das sie im aufthet, ir öde theding unterwegen liesz. 143ᵇ;
(ihr) hörend zuo dem öden gschwatz.
trag. Joh. B 3;
fleuch der weibsbild öde beiwonung,
die gar oft gibt böse belonung.
H. Sachs 3, 429, 13;
und alle ewer bäpst decret
gantz werden öd (nichtig).
Fischart nachtrab 1878;
stritten jetzt umb öd tittel, panier und namen miteinander. Frank kriegb. d. fr. 66; das jetzo der römisch keiser vom römischen reich nichts mehr ubrig hat, dann den eitlen namen und öden tittel. weltb. 40ᵃ; und mag auch mit dir eben, weil ich dich liebe, das schlechte zeug von öden worten nicht weiter wechseln und betrieglich austauschen. Göthe 21, 46; aus der öden, gehaltlosen .. pedanterei. 31, 38.
β)
von personen mit ödem betragen u. s. w., abgeschmackt, fade, langweilig, thöricht, albern, widerwärtig; ohne moralischen wert, nichtswürdig, schlecht: mhd.
ich hân von œden ganzen   alle wîle her gesungen.
Neidhart 52, 3;
nu ist sîn sun ein œder gouch   mit sîner rûhen hûben.
54, 38;
ein œd heimbachen knappe.
Hadamar v. L. die jagd 507, 6;
und hôrten si den œdesten (albernsten) phaffen, der in der zît ie wart, ein gar slecht brödie (predigt) tuon. Wackernagel pred. 68, 271; nhd. als ietz in disen landen wunderliche löiffe umbgand, und öde üppige knechte, da nieman wol weis wer si sind, after in lande wandelent und frömde und heimbsche lüte schedgent und darnider legent. Schreiber urkundenbuch 2, 267 (vom j. 1416);
man findet mangen öden gauch.
fastn. sp. 316, 5;
das weib sprach .. du trunkener öder man. Bocc. 143ᵇ; das graumenlin ist von im selber schwach, alt, kalt, öd, blöd. Keisersberg narrensch. 66ᵃ;
ursach sucht ein öder man,
der sinen frünt wil faren lan.
Murner narrenbeschw. 15, 88;
dieselben öden falschen zungen.
schelmenz. 1ᵇ;
das ist das oͤd verfluͦchte wyb.
Gengenbach fünf juden 31;
(du) hast mich vor allem volk verdampt,
glych ob ich wer der ödist man.
trag. Joh. B 4;
nun gib dich gfangen öder wicht.
K 2;
ein lugenhaftig, oͤd, diebisch volk.
Frank weltb. 213ᵃ;
mögt ir das leiden, wil ich ein fein fasznachtspil mit disen öden kunden anrichten.
Wickram rollw. 145, 27 Kurz;
mit diesen worten der öde vogel (der neidische ritter Wernhard) sein gesang beschlosz.
Galmy 178;
si wöllend mit den öden buͦben verschaffen, dasz sie ... mir die gänsz bezalen.
Lindener schwankb. 37 Lichtenstein;
ein jungfraw öd
sich selbst beredt,
sie wer die schönst auf erdt.
A. Metzger Venusblümlein (1611) nr. 9;
was ein öder gänserich schreit, schnattern die andern nach. Freytag ahnen 3, 33.
γ)
in oberd. mundarten hat öde noch die unter α und β angegebenen bedeutungen (s. Schm.² 1, 38. Lexer 201. Schöpf 479. Schmid 413. Staub-Tobler 1, 96), wozu schweiz. noch weitere entwicklungen kommen: rücksichtslos, schlau, gewandt, geschickt; eitel, putzsüchtig, hoffärtig, stolz, flott; zurückhaltend, spröde (so nach einer aufzeichnung J. Grimms auch in Berlin: das mädchen thut öde, ist öde); leer an unterhaltung und geselligkeit, wortkarg, schüchtern, mürrisch, eigensinnig. Staub-Tobler a. a. o.
II.
Die abgeleitete bedeutung 'leicht' (facilis, possibilis) hat sich nur in einzelnen gebieten entwickelt.
1)
ahd. ôdi, leicht, möglich, nur in der (dem hochfränkischen dialekte angehörenden) übersetzung der unter dem namen des Tatian gehenden evangelienharmonie: wedar ist ôdira (quid est facilius)? 54, 6; ob iʒ ôdi ist (si possibile est). 181, 2; mit gote alliu sint ôdi (apud deum omnia possibilia sunt). 106, 5 u. ö., daneben das negative unôdi, impossibilis (3, 8. 92, 8. 106, 5), das auch in einigen glossen vorkommt (Graff 1, 150).
2)
mhd. œde, leicht, wenig, gering:
nû sint elliu mîniu rîch
leider gar ze blœde
und alleʒ mîn gelt œde.
Dietrichs flucht 7526
(vgl.daʒ ich lützel guotes hân
7548).
3)
nhd. ist diese bedeutung erloschen, doch vergl. ödmüthig.
4)
alts. ôđi, ôþi nur mit der bedeutung facilis, unôđi, difficilis s. Schmeller glossar zum Heliand 85ᵃ; ags. oađe, facilis (aber auch leer, öde). Leo 490, 51; altn. auđ-, leicht, nur in composition mit participien und adjectiven. Möbius 23.
ode f
Fundstelle: Lfg. 6 (1885), Bd. VII (1889), Sp. 1141, Z. 68
ein erhabenes, schwungvolles lyrisches gedicht; im 17. jh. entlehnt aus franz. ode d. i. griech. ᾠδή (lyrisches gedicht, in der mitte stehend zwischen dem hymnos und dem eigentlichen liede), lat. oda: oden und gesäng von Weckherlin (1618); oden oder gesäng. Opitz (1644) 2, 324; Flemings oden. s. 281 ff.;
beim edlen vorwurf, den ich wähle,
soll auch in der gemeinsten seele
der ode hoher geist entstehn.
Haller 147 Hirzel;
wohin reiszt ungewohnte wuth
mich auf der ode kühnen flügeln.
Uz 1, 48;
Klopstocks drei bücher oden (1747—50) in antikem gewande (vergl. Herder zur lit. 13, 271—295); eine ode ist — so 'n tolles gedicht, das sich reimt, und auch manchmal nicht reimt, und wo kein rechter menschenverstand in ist, und das den schwanz hat, wo es den kopf haben sollte. Siegfr. v. Lindenb. (1781) 2, 51; unpoetische köpfe, die in den ersten zeilen ihrer ungeheuren oden mit stolzen schwingen prahlen. Lessing 1, 137; die hohen oden des affekts. Herder fragm. 1, 47; das feuer der ode ergriff mich. Thümmel reise 3 (1794), 32; der unterschied .. ist der, dasz die ode empfindungen ausströmt, das lehrgedicht allgemeine wahrheiten vorträgt. Engel 4, 108; die schwülstige ode. Stolberg 3, 10;
der ich der oden zweiten preis errungen.
Platen 2, 148;
composita: odenbeflüglung f. Platen 4, 165; odenbegeisterung f. Schlegel vorles. 2, 258, 8. 24 neudruck; odendichter m. Herder fragm. 2, 109. 301. Klinger 12, 38; odenform f. A. W. Schlegel vorles. 2, 264, 29; odengenie n. Herder fragm. 2, 299; odengerippe n. Lessing 12, 83; odenmanier f. Schlegel vorles. 2, 289, 23; odenplan m. Herder fragm. 2, 113. 279; odensänger m. Voss ged. 6, 259; odenschwung m. Gleim 6, 320; odentollwurz f. (unkraut in gedichten) Voss ged. 3, 112; odenversler m. Herder stimmen d. v. 60; odenwetter n. Stolberg 3, 10.
Zitationshilfe
„öde“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/dwb/%C3%B6de>, abgerufen am 20.03.2019.

Weitere Informationen …