Sitte, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Sitte · Nominativ Plural: Sitten
Aussprache
WorttrennungSit-te
Wortbildung mit ›Sitte‹ als Erstglied: ↗Sittenbild · ↗Sittencodex · ↗Sittendarstellung · ↗Sittengemälde · ↗Sittengesetz · ↗Sittenkodex · ↗Sittenlehre · ↗Sittenlehrer · ↗Sittenmaler · ↗Sittenmalerei · ↗Sittenpolizei · ↗Sittenprediger · ↗Sittenrichter · ↗Sittenroman · ↗Sittenschilderung · ↗Sittenstrenge · ↗Sittenstrolch · ↗Sittenverderbnis · ↗Sittenverwilderung · ↗Sittenwächter · ↗sittenlos · ↗sittenstreng · ↗sittenwidrig · ↗sittsam
 ·  mit ›Sitte‹ als Letztglied: ↗Barbarensitte · ↗Bauernsitte · ↗Bestattungssitte · ↗Landessitte · ↗Tischsitte · ↗Unsitte · ↗Urvätersitte · ↗Verkehrssitte · ↗Volkssitte · ↗Vätersitte
 ·  formal verwandt mit: ↗gesittet
eWDG, 1976

Bedeutungen

1.
auf Tradition und Gewohnheit beruhende, in einer bestimmten sozialen Gruppe, Gemeinschaft übliche und für den einzelnen oft als verbindlich geltende menschliche Verhaltensform, Verhaltensregel, Gepflogenheit, Brauch
Beispiele:
eine alte, gute, schöne, von den Vätern ererbte Sitte
raue, wilde Sitten
umgangssprachlich, scherzhaft hier herrschen strenge Sitten!
umgangssprachlich, spöttisch das sind ja ganz neue Sitten!
die Sitten und Gebräuche eines Volkes
die Sitte will es, verlangt, dass ...
eine Sitte achten, einhalten, verletzen
sich der (starren) Sitte fügen, unterwerfen
mit einer Sitte brechen
er war nach der herrschenden Sitte (= Mode) seiner Zeit gekleidet
sprichwörtlich andere Länder, andere Sitten
etw. ist Sitteetw. ist üblich
Beispiele:
das ist bei uns (nicht) Sitte
's ist mal bei mir so Sitte [J. StraußFledermausII]
2.
zum Bereich der Moral gehörende Verhaltensregeln und Verhaltensweisen mit unterschiedlichem Klassencharakter
a)
Gesamtheit moralischer Werte und Regeln, Sittlichkeit, Gesittung
Beispiele:
die gute Sitte, Anstand und Sitte (be)wahren, verletzen
auf (Anstand und) Sitte halten, sehen
die strenge Sitte ist die Basis des Imperiums [Feuchtw.Tag54]
Singular selten
Beispiele:
die guten Sitten beobachten, einhalten, pflegen
gegen alle guten Sitten verstoßen
eine Lockerung, der Verfall der Sitten
b)
nur im Plural
durch moralische Werte und Regeln bedingte Verhaltensweisen, Benehmen, Umgangsformen, Manieren
Beispiele:
ein Mensch von, mit guten, schlechten, sonderbaren Sitten
bei Tisch hielt sie auf kulturvolle Sitten
sprichwörtlich schlechte Beispiele verderben gute Sitten
c)
nur im Singular
veraltet Anstand, Sittsamkeit
Beispiele:
jmd. hat (keine) Sitte
er war um ihre gute Sitte (= Tugend) besorgt
sie war still und ihre Bewegungen voll Sitte [G. KellerGr. Heinrich4,221]
3.
nur im Singular
veraltet
Synonym zu Sittenpolizei
Beispiele:
bei der Sitte sein
jmdn. unter Sitte stellen (= jmdn. unter die Aufsicht der Sittenpolizei stellen)
Denn man stellt einen Lehrer nicht an, dessen Schwester in der gleichen Stadt unter Sitte ist [G. Hauptm.4,188]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Sitte · Unsitte · sittlich · Sittlichkeit · unsittlich · sittsam · Sittenlehre
Sitte f. ‘Brauch, Gewohnheit, (moralischer) Anstand’, ahd. situ (8. Jh.), mhd. site ‘Art und Weise, wie man lebt und handelt, Volksart, -brauch, Gewohnheit, Beschaffenheit, Anstand’ (ursprünglich m., durch häufigen pluralischen Gebrauch bereits spätmhd. f.), asächs. sidu, mnd. sēde, sedde, mnl. sēde, nl. zede, afries. side, aengl. sidu, anord. siðr, schwed. sed, got. sidus (germ. *sedu- m.). Herkunft nicht geklärt. Die übliche Herleitung vergleicht aind. svadhā́ ‘Eigenheit, Eigenkraft, Charakter, gewohnte Art, Gewohnheit’, griech. éthos (ἔθος, aus *Ϝέθος, ie. *su̯édhos) ‘Gewohnheit, Brauch, Übung’, lat. sodālis ‘Genosse, Kamerad, Gefährte, Mitglied einer Gemeinschaft’ und geht von ie. *su̯ē̌dh- aus, in dem eine Bildung zum Pronominalstamm ie. *seu̯e- (s. ↗sich) gesehen wird. Dagegen erklärt Wissmann in: Münchener Studien zur Sprachwiss. 6 (1955) 129 das stammhafte i in aengl. sidu und anord. siðr für alt (also nicht aus e hervorgegangen). Aus dem gleichen Grunde lehnt Trier Lehm (1951) 41 die oben vorgetragene Etymologie (also auch die Verbindung mit griech. éthos) ab und schließt die germ. Formen von Sitte an die unter ↗Saite und ↗Seil (s. d.) behandelten Substantive an, so daß Sitte (im Ablaut zu Saite stehend) als ‘Verbindendes, Bindung’ gedeutet werden kann. Unsitte f. ‘Anstand und Benehmen Zuwiderlaufendes’, ahd. unsitu (9. Jh.), mhd. unsite ‘üble Gewohnheit, Aufgebrachtheit, Zorn, unfeines oder grobes Benehmen’. sittlich Adj. ‘der Sitte, Moral entsprechend, moralisch’ (15. Jh.), ahd. situlīh (um 800), mhd. sitelich ‘dem Brauch gemäß, ruhig, milde, bescheiden, anständig’. Sittlichkeit f. ‘Wohlanständigkeit, Moral’ (Anfang 16. Jh.). unsittlich Adj. ‘unanständig, anstößig, unmoralisch’, ahd. unsitulīh (um 800), mhd. unsitelich ‘ungehörig, unziemlich, unpassend’. sittsam Adj. ‘brav, ehrbar, geziemend’ (15. Jh.), ahd. situsam ‘passend, geeignet’ (8. Jh.). Sittenlehre f. ‘Lehre von den Sitten, der Moral und Ethik, Moralphilosophie’ (17. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Anstand · ↗Anständigkeit · ↗Lauterkeit · ↗Moral · Sitte · ↗Sittlichkeit
Assoziationen
Synonymgruppe
Brauch · ↗Gepflogenheit · ↗Gewohnheit · ↗Konvention · ↗Regel · Sitte · ↗Usus  ●  ↗Usance  fachspr. · ↗Usanz  fachspr., schweiz.
Oberbegriffe
  • handlungsleitende Norm(en)
Assoziationen
Synonymgruppe
Sittendezernat · ↗Sittenpolizei  ●  (die) Sitte  ugs.
Oberbegriffe
  • Ordnungshüter  ●  ↗Polizei  Hauptform · Bullen  derb · ↗Bullerei  derb · Freund und Helfer  ugs. · Herren in Grün  ugs. · ↗Polente  ugs. · Polypen  derb, beleidigend · ↗Trachtengruppe  ugs. · weiße Mäuse (50er Jahre)  ugs.

Typische Verbindungen
computergeneriert

Anschauung Anstand Brauch Brauchtum Gebrauch Gewohnheit Metaphysik Moral Religion Unsitte Verfall Verlotterung Verrohung Verstoß Verwahrlosung Verwilderung Zucht barbarisch fremd herrschend höfisch locker los rau rauh streng verderben verlottert verrohen verstoßen

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Sitte‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Wo das Gesetz nicht hinlangt, ist gemeinhin die Sitte gefragt.
Der Tagesspiegel, 14.01.2000
Auch die Sitten des Landes wirken nun abstoßend auf sie.
Süddeutsche Zeitung, 04.09.1998
In solchen Ländern ist wenig Raum für die Ausbildung verfeinerter Sitten.
Ball, Hugo: Vom Universalstaat. In: Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1918], S. 1173
Sie huldigten indessen damit nur der allgemeinen Sitte der Zeit.
Goldfriedrich, Johann: Geschichte des Deutschen Buchhandels vom Westfälischen Frieden bis zum Beginn der klassischen Litteraturperiode. In: Lehmstedt, Mark (Hg.) Geschichte des deutschen Buchwesens, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1908], S. 22368
Nur an bestimmten Stellen haben die alten Sitten des gruppenweisen Zusammenarbeitens fortgedauert.
Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre Erster Teil, Berlin: Duncker & Humblot 1978 [1900], S. 464
Zitationshilfe
„Sitte“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Sitte>, abgerufen am 21.04.2019.

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