Sündenbock, der

GrammatikSubstantiv (Maskulinum)
Aussprache
WorttrennungSün-den-bock
WortzerlegungSündeBock
Duden GWDS, 1999

Bedeutung

umgangssprachlich jmd., auf den man seine Schuld abwälzt, dem man die Schuld an etw. zuschiebt
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Sünde · Sünder · sündhaft · sündig · sündigen · versündigen · Sündenbock · Sündenfall
Sünde f. (im Sinne des Christentums) ‘Verstoß gegen ein göttliches Gebot’, (allgemein) ‘Übertretung des Sittengesetzes, Verstoß gegen Verhaltensnormen, Verfehlung, Irrtum’, ahd. sunta (8. Jh.), mhd. sünde, sünte, sunte, asächs. sundia, mnd. sünde, mnl. sonde, sunde, nl. zonde, aengl. syn(n), engl. sin; aus dem Mnd. stammen wohl anord. schwed. synd. Die Herleitung des Wortes bereitet Schwierigkeiten. Schröder in: Zs. f. vgl. Sprachforsch. 56 (1928) 106 ff. versucht, eine Verbindung von Sünde mit dem alten unter ↗Schande (s. d.) behandelten rechtssprachlichen Ausdruck herzustellen. Er erschließt germ. *skṃtjō ‘Scham’ und ein zugehöriges (mit Übergang von m zu n vor Dental) *skantō ‘Schande’, das nach (sonst kaum belegtem) Ausfall von k schwundstufiges germ. *sundjō ergeben habe. Andere sehen in den germ. Formen frühe Entlehnungen in die Kirchensprache aus lat. sōns (Genitiv sontis) Adj. ‘schädlich, sträflich, straffällig, schuldig’, Subst. ‘Schuldiger, Missetäter’ (Ausdruck der römischen Rechtssprache; zur Etymologie von sōns s. unten); vgl. de Vries Nl. 869, ebenso Walter Lehngut im Altwestnord. (1976) 87, der als Ausgangsform für das Germ. vlat. *sontia vermutet, eine als Fem. Sing. aufgefaßte Substantivierung des Adjektivs. Doch nach Frings in: PBB (H) 81 (1959) 427 und vor allem nach Seebold in: Die Sprache 15 (1969) 14 ff. ist germ. *sundjō bzw. (mit Aufgabe des Dentals) *sunjō im Sinne von ‘Schuld für eine strafwürdige Tat’ als alter germ. Rechtsausdruck aufzufassen, der in die Kirchensprache zur Wiedergabe von lat. peccātum ‘Sünde (gegen Gott)’ aufgenommen wird, vgl. ahd. sunta, suntea, asächs. sundia, afries. sende, sonde und aengl. syn(n) ‘Schuld, Vergehen, Sünde’. Als verwandte Bildungen stehen daneben ahd. sunna (9. Jh.), asächs. sunnia ‘wahrer Zustand, gesetzlich anerkannter Hinderungsgrund, Entschuldigung, Notwendigkeit’, anord. syn ‘Wahrheitsbekräftigung’, auch ‘Einspruch, Leugnung’, nauðsyn ‘gesetzlich anerkannter Hinderungsgrund, Notwendigkeit, Zwang’ und got. sunja (aus *sundj-) ‘Wahrheit’ (vgl. auch got. bisunjanē Genitiv Plur. ‘der ringsum Seienden, der Herumwohnenden’). Sie sind mit anord. sannr, saðr ‘wahr, schuldig’, asächs. sōð ‘wahr, Wahrheit’, aengl. sōþ- ‘wahr’ (germ. *sanþ-, *sund- ‘wahr’), außergerm. mit lat. sōns (s. o.), griech. ónt- (ὄντ-) ‘seiend’, aind. satyáḥ ‘wahr, wirklich’ zu *sṇtió-, vgl. aind. sánt- ‘seiend, gut, wahr’, Part. Präs. zu ásti ‘ist’, zusammenzustellen und auf die unter ↗sein (s. d.) angegebene Wurzel ie. *es-, schwundstufig *s- ‘sein’ bzw. auf das zugehörige Part. Präs. ie. *sont-, *sṇt- zurückzuführen. Dabei ist für die den Begriff ‘Sünde’ wiedergebenden Ausdrücke eine Bedeutungsentwicklung von ‘das Seiende, Wahre, die Wahrheit’ über ‘festgestellte Schuld, (richtige) Sachverhältnisse, die den gegnerischen Aussagen entgegengestellt werden, Widerspruch, Verneinung’ zu (im christlich-kirchlichen Sinne) ‘Vergehen gegen Gottes Gebot, Böses’ anzunehmen. Sünder m. ‘wer eine Sünde begeht’, ahd. suntāri (11. Jh.), mhd. sündære, sünder. sündhaft Adj. ‘einer Sünde entsprechend, mit Sünde behaftet, sündig’, steigernd im Sinne von ‘sehr’ (vgl. sündhaft dumm, sündhaft teuer, 19. Jh., doch wohl älter und bereits Ende 17. Jh. sich anbahnend), ahd. sunt(i)haft (8. Jh.), mhd. sündehaft. sündig Adj. ‘mit Sünde behaftet, gegen Gottes Gebot, gegen Sitte und Moral gerichtet’, ahd. suntīg (8. Jh.), mhd. sündec, sündic; dazu (oder als Weiterbildung von mhd. sünden Vb.) sündigen Vb. ‘eine Sünde begehen’, mhd. sündigen; versündigen Vb. ‘schuldig werden’, meist reflexiv ‘sich in Schuld verstricken, sich gegen Gott vergehen, Fehler machen’, mhd. versündigen ‘(sich) in Sünden stürzen, durch Sünden verderben’. Sündenbock m. ‘Mensch, dem unberechtigt alle Schuld zugeschoben wird, ohne daß er wirklich schuldig ist’ (Ende 18. Jh.), eigentlich ‘der Bock, der (nach 3. Mos. 16) die Sünde des Volkes stellvertretend in die Wüste trägt’ (seit dem 17. Jh. belegt), daher auch ‘schlimmer Sünder’ (17. Jh.). Sündenfall m. ‘(schwere) Versündigung’, mhd. sündenval, besonders (nach christlichem Glauben) ‘das Sündigwerden des Menschen’, eingeleitet (nach der Bibel 1. Mos. 3) durch den ‘Abfall von Gott’ des ersten Menschenpaares Adam und Eva (seit 17. Jh.).

Thesaurus

Synonymgruppe
Feindbild · Sündenbock  ●  ↗Zielscheibe  fig. · schwarzes Schaf  fig. · (ein) Böser  ugs. · Arsch vom Dienst  derb · ↗Buhmann  ugs.
Oberbegriffe
Assoziationen
  • (nur) benutzt werden · (sich) benutzen lassen · ausgenutzt werden · herhalten müssen (für) · instrumentalisiert werden · missbraucht werden  ●  vor jemandes Karren gespannt werden  fig. · (nur) ein billiges Werkzeug sein (für)  ugs., variabel
  • abkanzeln · ↗ausschimpfen · ↗beleidigen · ↗entwerten · ↗entwürdigen · ↗herabsetzen · ↗herabwürdigen · ↗niedermachen  ●  ↗abqualifizieren  ugs. · absauen  derb · ↗anmachen  ugs. · ↗anmotzen  ugs. · anpampen  ugs. · ↗anpöbeln  ugs. · ↗diffamieren  geh. · ↗heruntermachen  ugs. · ↗herunterputzen  ugs. · ↗schimpfen  ugs. · zur Sau machen  derb, fig. · zur Schnecke machen  ugs., fig. · ↗zusammenstauchen  ugs.
  • Strolch · böser Bube (oft mehr oder weniger scherzhaft)  ●  Bösling  selten
  • Hauptschuldiger · Hauptverantwortlicher  ●  (*der*) Bösewicht (schlechthin)  ugs.
  • (das) geborene Opfer · Mobbingopfer  ●  ↗(jemandes) Fußabtreter  fig. · ↗Zielscheibe  fig. · Arsch vom Dienst  derb · ↗Opfer  ugs., jugendsprachlich · ↗Prügelknabe  ugs., Hauptform · ↗Schlagball  ugs. · ↗Watschenmann  ugs. · immer auf die Kleinen!  ugs., Spruch, scherzhaft-ironisch · mit mir kann man's ja machen  ugs., Spruch
  • (eine) Verantwortung loswerden (an) · (etwas) auf jemandem abladen · (jemandem) den schwarzen Peter zuschieben · (jemandem) die Schuld in die Schuhe schieben · (jemandem) die Schuld zuschieben · (jemandem) die Verantwortung für etwas aufhalsen · (jemandem) die Verantwortung für etwas zuschieben · (teils ungerechtfertigterweise) für etwas verantwortlich machen
  • Backpfeifengesicht  ugs. · Gesicht wie ein Feuermelder  ugs. · Gesicht zum Reinschlagen  ugs. · ↗Ohrfeigengesicht  ugs. · so ein Gesicht kann nur eine Mutter lieben  ugs., Sprichwort
  • (etwas) auf sich nehmen müssen · (für etwas) geradestehen müssen · verantwortlich gemacht werden (für)  ●  (den) Kopf hinhalten müssen (für)  fig.
  • (angeblicher) Hauptverantwortlicher · ↗(angeblicher) Schuldiger · (angeblicher) Verantwortlicher  ●  Sündenbock  Hauptform
Synonymgruppe
(angeblicher) Hauptverantwortlicher · ↗(angeblicher) Schuldiger · (angeblicher) Verantwortlicher  ●  Sündenbock  Hauptform
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Blitzableiter Buhmann Fehlentwicklung Jagd Lückenbüßer Misere Mißerfolg Prügelknabe Suche Verfehlung Versagen Versäumnis Wahlniederlage abstempeln alleinig auserkiesen ausgucken bequem erkiesen herhalten hinstellen ideal mißbrauchen opfern stempeln suchen taugen vorgeschoben willkommen Übel

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Sündenbock‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Er sieht sich als Sündenbock, der für die Fehler anderer den Kopf hinhalten muss.
Die Welt, 26.05.2004
Die Regierung sei weniger auf der Suche nach Lösungen als auf der Jagd nach Sündenböcken.
Der Tagesspiegel, 09.01.1997
Wieder stehen wir in einer Situation, in der Sündenböcke gebraucht werden.
o. A.: 1946. In: Overresch, Manfred u. Saal, Friedrich Wilhelm (Hgg.) Deutsche Geschichte von Tag zu Tag 1918-1949, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1986], S. 6681
Der Sündenbock war jedenfalls gefunden, wenn auch ein geduldig langsames Vorgehen geboten schien.
Werfel, Franz: Die Vierzig Tage des Musa Dagh I, Stockholm: Bermann - Fischer 1947 [1933], S. 372
Sie ahnte, daß sie nun keinen Sündenbock mehr hatte und dazu verdammt sein würde, sich selbst anzufallen.
Schwanitz, Dietrich: Bildung, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 153
Zitationshilfe
„Sündenbock“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Sündenbock>, abgerufen am 22.05.2019.

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