Lebensphilosophie, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Lebensphilosophie · Nominativ Plural: Lebensphilosophien · wird selten im Plural verwendet
WorttrennungLe-bens-phi-lo-so-phie
WortzerlegungLebenPhilosophie
DWDS-Vollartikel, 2019

Bedeutungen

1.
Philosophie philosphische Richtung, die sich gegen eine einseitige rationalistische Betrachtung des Lebens (Lesart 1) richtet
Beispiele:
Mit seiner Entscheidung, das Leben selbst zum Urprinzip der Realität zu erklären, hat Schopenhauer zwei spätere philosophische Schulen inspiriert: Den Vitalismus und die sogenannte Lebensphilosophie: […] am einflußreichsten wurde diese Richtung in Deutschland. Zu ihren Grundzügen gehört, daß sie den Fluß des Lebens gegen die Trennschärfe des Gedankens ausspielt, den Irrationalismus gegen die Vernunft, den Rausch gegen die Nüchternheit und den Bauch gegen den Kopf. [Schwanitz, Dietrich: Bildung, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999, S. 343]
Lebensphilosophie ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Strömung der Philosophie, die in Frankreich von Henri Bergson und in Deutschland von Wilhelm Dilthey als Gegenentwurf zum Positivismus und zum Neukantianismus entwickelt wurde, welche nach Ansicht der Lebensphilosophie mit einseitiger Betonung der Rationalität nach Art der Naturwissenschaften das Werden des Lebens[…] nur unzureichend erfassen und beschreiben würden. Zu einem umgreifenden Leben gehörten ebenso nicht-rationale, kreative und dynamische Elemente. Ausgangspunkt der Lebensphilosophie ist die konkrete Erfahrung des Menschen, die neben der Vernunft auch Intuition, Instinkt, Triebe und Willen umfasst und die durch seine historischen Bedingungen geprägt ist. [de.wikipedia.org, 14.01.2019, aufgerufen am 25.01.2019]
Während Nietzsche und die Lebensphilosophie der Jahrhundertwende in den Verdacht der Vorläuferschaft des Nationalsozialismus gerieten, erschien die Philosophie Kants wie das mythische Zeitalter, auf das der Sündenfall des Irrationalismus gefolgt war und das es nun wiederzugewinnen galt. [Neue Zürcher Zeitung, 30.12.2000]
Weil niemand mehr die Illusion hegen konnte, er führe in diesem Staatswesen sein »eigenes« Leben, mußten Unzählige den Impuls verspüren, ihre Eigenheit in staatsfreien Räumen wiederaufzurichten – eben in Form von Lebensphilosophien und neuen Religionen. Dies erklärt den ungeheuren Erfolg der philosophischen Sekten[…]. [Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft Bd. 1, Frankfurt: Suhrkamp 1983, S. 321]
Der […] umstrittenste der älteren polnischen Marxisten scheint Stanislaw Brzozowski (»Der Marxismus als historischer Subjektivismus«) zu sein. […] Brzozowski hat eine Art Synthese von Nietzschescher Lebensphilosophie und frühmarxscher Philosophie der Praxis zustande gebracht, ohne freilich die Frühschriften von Marx damals schon kennen zu können […]. [Die Zeit, 16.03.1979, Nr. 12]
2.
eine auf bestimmten Anschauungen basierende Lebenseinstellung, von einem bestimmten Standpunkt (Lesart 2) ausgehende persönliche Sicht auf das (eigene) Leben
Beispiele:
Vor den Hütten und kleinen Restaurants, die ich passierte, standen Schilder mit der lokalen Lebensphilosophie: »Life is good« oder »Enjoy life«. Ich wollte kritisch darüber nachdenken, ob das Leben wirklich so einfach ist, war aber am heißen, flachen Strand zu keinen Tiefgründigkeiten in der Lage. [Die Zeit, 27.05.2017, Nr. 21]
Über 700 Kilogramm Abfall produziert der Durchschnittsschweizer im Jahr, mehr als die meisten seiner europäischen Nachbarn. Zero Waste heisst die Gegenbewegung dazu. Der Begriff stammt aus der Kreislaufwirtschaft und beschränkt sich nicht auf das Entpacken von Lebensmitteln, sondern umschreibt eine Lebensphilosophie der Nachhaltigkeit. […] Um Ressourcen zu sparen, wird […] verzichtet, beschränkt, wiederverwendet, repariert, rezykliert und kompostiert. [Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2017]
Meine Lebensphilosophie im Alter heißt: noch Ziele zu haben. Sich sportlich fit zu halten. Und sich Prioritäten zu setzen. Denn jeder Mensch ist seines Glückes Schmied. [Bild am Sonntag, 16.12.2012, Nr. 51]
Der tiefgläubige Christ Kim Dae-jung findet selbst bei der Erinnerung an das Militärgericht, das ihn verurteilt hatte, noch milde Worte für seine Gegner: »Man soll die Sünden hassen, aber nicht die Menschen, das ist meine politische und religiöse Überzeugung und seit langem meine Lebensphilosophie«. [Der Tagesspiegel, 07.05.2000]
Lintas [ein Werbeunternehmen] entwickelte für Nora und Twiggy, die nicht abzunehmen brauchten, weil sie schon schlank waren, eine neue Lebensphilosophie: »Schlank ist schön«. [Hars, Wolfgang: Nichts ist unmöglich! Lexikon der Werbesprüche, München: Piper 2001, S. 209. Zitiert nach: Hars, Wolfgang: Nichts ist unmöglich! Lexikon der Werbesprüche, Frankfurt a. M.: Eichborn 1999.]
»Die Leute hier warten auf das Glück, statt etwas dafür zu tun«, kritisiert Leelamony Moozhiyil die Mentalität ihrer südindischen Landsleute. Der lange Aufenthalt in Deutschland hat die Lebensphilosophie der Moozhiyils geprägt: Wer arbeiten kann, soll es zumindest versuchen. Wer nicht arbeiten kann, weil er krank ist oder alt, soll die Hilfe bekommen, die er braucht[…]. [Die Zeit, 22.04.1999, Nr. 17]

Typische Verbindungen
computergeneriert

Naturschutz Phänomenologie Sport beschreiben fernöstlich lauten positiv praktisch prägen

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Lebensphilosophie‹.

Zitationshilfe
„Lebensphilosophie“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Lebensphilosophie>, abgerufen am 25.08.2019.

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