Kehre, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Kehre · Nominativ Plural: Kehren
Aussprache
WorttrennungKeh-re (computergeneriert)
eWDG, 1969

Bedeutungen

1.
Stelle, an der sich die Richtung wendet, Wendung, Biegung
Beispiele:
die Kehre der Wendeltreppe
diese Felder, wo der Traktorist ... zur Mittagspause an der Kehre ankommt [Tageszeitung1956]
Straßenstück mit scharfer Biegung
Beispiele:
die Kehren der Serpentine
eine Kehre hinauffahren, hinunterfahren
die Straße führt in steilen Kehren zum Gipfel
Auf ... Wildpfaden einsam kletternd, hatte ich weitgeschweifte Kehren der breiten Straße abgeschnitten [G. Hauptm.3,465]
2.
Sport
a)
Turnen Sprung, Schwung, bei dem der Rücken dem Gerät zugewandt ist
Beispiel:
eine Kehre am Barren, Pferd machen
b)
Skisport
Beispiel:
in die Kehre gehen (= die Richtung ändern)
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

kehren1 · Kehre · kehrtmachen · Kehrreim · Kehrseite · einkehren · Einkehr · umkehren · Umkehr · Umkehrung
kehren1 Vb. ‘etw. in eine bestimmte, namentlich die entgegengesetzte Richtung drehen, wenden’, seit Beginn der Überlieferung außerdem in reflexivem und (wohl durch Ersparung eines Akkusativobjekts entstandenem, heute unüblichem) intransitivem Gebrauch ‘die Gegenrichtung einschlagen, sich umwenden’, ahd. kēren (9. Jh.), gikēren (8./9. Jh.), mhd. (ge)kēren ‘(um)wenden, eine Richtung geben, sich wenden’ (mhd. und frühnhd. auch allgemeiner ‘eine Richtung einschlagen, sich begeben’) hat nur im Kontinentalwestgerm. sichere Verwandte, vgl. asächs. kērian, mnd. (ge)kēren, aostnfrk. kēron, mnl. kēren, nl. keren, afries. kēra ‘kehren, wenden’. Bei Annahme eines grammatischen Wechsels germ. *kaisjan, *kaizjan lassen sich diese Formen mit anord. keisa ‘biegen, zusammenfalten’, isl. keisa ‘in die Höhe ragen, hochtragen’, schwed. kesa ‘durchgehen, fliehen’ verbinden, die auf einen Ansatz ie. *geis- zurückgeführt werden, der zu der nur in verschiedenen Erweiterungen nachzuweisenden Wurzel ie. *gei- ‘drehen, biegen’ (s. auch ↗keifen) gehört; vgl. Pokorny 1, 354 f. Dieser fragliche Zusammenhang muß jedoch aufgegeben werden, wenn man für ahd. kēren von germ. *kairjan ausgeht und dieses (wie Petersson in: PBB 44 (1920) 178 f.) mit armen. cir ‘Kreis’, osset. zilyn (зuлын) ‘herumdrehen’ vergleicht. Ebenso ist aengl. cerran (westsächs. cierran, cyrran) trotz semantischer Übereinstimmung von den anderen westgerm. Bildungen zu trennen, da es eine auch im Vokalismus abweichende Form germ. *karrjan oder *karzjan voraussetzt. Substantivische Ableitung vom Verb ist Kehre f. ‘scharfe Wegbiegung’, seit Jahn (1816) auch Fachwort des Turnens ‘Sprung oder Abschwung, bei dem der Rücken zum Gerät gewandt ist’, ahd. kēra ‘Wendung, Beugung, Krümmung’ (11. Jh.), mhd. mnd. kēr(e) ‘Richtung, Wendung’ (die einsilbige Form noch in Einkehr, Umkehr, s. unten, ↗Heimkehr, s. d.); daneben steht in älterer Zeit ein Maskulinum ahd. (um 1000), mhd. mnd. kēr, frühnhd. Kehr, mnl. nl. keer (s. ↗Verkehr). kehrtmachen Vb. ‘eine halbe Drehung vollführen, die Gegenrichtung einschlagen’, im 20. Jh. zusammengewachsen aus der Fügung kehrt machen (substantiviert auch Kehrt machen, Anfang 19. Jh.), enthält als ersten Bestandteil den Imperativ und militärischen Befehl kehrt! (vielleicht verkürzt aus kehrt euch!). Kehrreim m. ‘regelmäßig am Schluß jeder Liedstrophe sich wiederholender Textteil’. Das von Bürger (1793) eingeführte Ersatzwort für ↗Refrain (s. d.) ist eine Zusammensetzung mit ↗Reim (s. d.) in dessen früher geläufiger Bedeutung ‘Verszeile’. Kehrseite f. ‘Rückseite’, metaphorisch auch ‘das einer zunächst günstig erscheinenden Sache anhaftende Unangenehme’, in der 2. Hälfte des 18. Jhs. aufkommende und trotz Adelungs Kritik sich durchsetzende Verdeutschung von ↗Revers ‘Rückseite einer Münze’ (s. d.), nach gleichbed. nl. keerzijde (dieses 1729 erstmals nachweisbar). einkehren Vb. ‘in einer Gaststätte Rast machen’, ursprünglich überhaupt ‘sich (als Gast) hineinbegeben’, mhd. īnkēren ‘hineingehen, umkehren’, in der Sprache der Mystik auch spätmhd. īnkēren, frühnhd. einkehren, mnd. inkēren ‘in sich gehen, sich versenken’; dazu Einkehr f. ‘Selbstbesinnung’, älter auch ‘Rast, Herberge’, mhd. īnkēr(e) f. ‘Einzug, Insichgehen’; vgl. spätmhd. īnkēr m., mnd. inkēr m. ‘Insichgehen’. umkehren Vb. ‘umwenden, umdrehen, in die entgegengesetzte Lage bringen’, intransitiv ‘sich umwenden, den Rückweg antreten, anderen Sinnes werden’, ahd. umbikēren (9. Jh.), mhd. umbekēren, mnd. ummekēren; seit dem Frühnhd. findet sich das Part. Prät. umgekehrt in adjektivischer Verwendung ‘gegenteilig, entgegengesetzt’; Umkehr f. ‘das Umkehren, Zurückgehen’, übertragen ‘Sinneswandel’, mhd. umbekēr(e) f. ‘Umkehr, Umwendung’; vgl. ahd. umbikēr m. ‘Umkehrung, Umtauschung’ (um 1000), mnd. ummekār ‘Umkehr, Wendung’; Umkehrung f. ‘Veränderung ins Gegenteil’ (15. Jh., frühnhd. daneben ‘Zerstörung’). S. auch ↗bekehren, ↗verkehren.

Thesaurus

Eisenbahn
Synonymgruppe
Endschleife · ↗Gleisschleife · Kehre · ↗Kehrschleife · ↗Schleife · Umkehrschleife · ↗Wende · ↗Wendeschleife
Unterbegriffe
  • Blockumfahrung · Häuserblockschleife
Assoziationen
  • Bus und Bahn · ↗Nahverkehr · Öffentlicher Personennahverkehr · öffentliche Verkehrsmittel  ●  ÖPNV  Abkürzung
Synonymgruppe
(das) Umschlagen · Drehung um 180 Grad · Kehre · ↗Umkehr · ↗Umschlag · ↗Verkehrung · Verkehrung ins Gegenteil  ●  ↗Kehrtwende  auch figurativ · ↗Kehrtwendung  fig. · ↗Umschwung  auch figurativ · ↗Wende  auch figurativ, Hauptform · ↗Wendung  auch figurativ
Assoziationen
Synonymgruppe
Haarnadelkurve · ↗Spitzkehre  ●  Kehre  fachspr.
Oberbegriffe
Assoziationen
  • (sich) schlängeln · ↗(sich) winden · in Serpentinen (verlaufen) · über Serpentinen (irgendwohin) führen
  • (das) Umschlagen · Drehung um 180 Grad · Kehre · ↗Umkehr · ↗Umschlag · ↗Verkehrung · Verkehrung ins Gegenteil  ●  ↗Kehrtwende  auch figurativ · ↗Kehrtwendung  fig. · ↗Umschwung  auch figurativ · ↗Wende  auch figurativ, Hauptform · ↗Wendung  auch figurativ
  • enge Kurve · scharfer Knick  ●  (eine) scharfe Wendung (nehmen)  fig., variabel · scharfe Kurve  auch figurativ

Typische Verbindungen
computergeneriert

Kehre Philosophie Sein eng scharf steil vollziehen

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Kehre‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Auch sie steht unter dem Gesetz der behutsam abnehmenden Wirkung, und auch sie hat irgendwann eine Art religiöser Kehre genommen.
Süddeutsche Zeitung, 13.11.2002
Wegen der vielen Kehren schwankten die Wagen sehr stark, so daß die nächtliche Ruhe einigermaßen schwierig zu gewinnen war.
Ostwald, Wilhelm: Lebenslinien. Eine Selbstbiographie, 3 Teile. In: Simons, Oliver (Hg.), Deutsche Autobiographien 1690 - 1930, Berlin: Directmedia Publ. 2004 [1927], S. 39464
Wenn sie eine Kehre machten, war alles unter ihnen dunkel.
Matthiessen, Wilhelm: Das Mondschiff. In: ders., Das Rote U, Bayreuth: Loewes 1980 [1949], S. 288
Für ein sorgenvolles Kehren vor dem eigenen liberalen Hause bestünden durchaus Gründe genug.
Die Welt, 20.12.2004
Kehren wir nun von den "Witzen" der künstlichen Entfettungskuren zum natürlichen Ernst, zur schlichten Logik des Fastens zurück.
Buchinger, Otto: Das Heilfasten und seine Hilfsmethoden als biologischer Weg, Stuttgart: Hippokrates-Verl. 1982 [1935], S. 67
Zitationshilfe
„Kehre“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Kehre>, abgerufen am 16.10.2019.

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