Kasuistik, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Kasuistik · wird nur im Singular verwendet
Aussprache
WorttrennungKa-su-is-tik
HerkunftLatein
Wortzerlegungkasuistisch-ik
Duden GWDS, 1999 und DWDS, 2016

Bedeutungen

1.
in der philosophischen Ethik und in der katholischen Moraltheologie   Teil der Sittenlehre, der für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt
Beispiele:
Die Kasuistik, die der Papst hier anwendet – übersetzt so viel wie »Lehre von den (Einzel-)Fällen« –, ist eine jahrhundertealte, zumal von Jesuiten entwickelte Methode, um von den abstrakten Moralprinzipien der Kirche zu dem individuell Gebotenen zu kommen. [Die Zeit, 25.11.2010, Nr. 48]
Diese Kasuistik ist nichts anderes als eine Sammlung von Anleitungen für die Behandlung konkreter Fälle, die fundamentalen Probleme der Moral werden jedoch nicht angeschnitten. [o. A.: Die Kirche im Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung. In: Jedin, Hubert (Hg.) Handbuch der Kirchengeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1970], S. 8844]
Das ärztliche Ethos hat […] eine hilfreiche Kasuistik entwickelt, oft ohne ein reflektiertes philosophisches Fundament zu besitzen. [Die Zeit, 12.02.2015, Nr. 07]
»Ein Autor fragt einen seiner Leser: Wie gefällt ihnen mein Werk? Das geringste Zögern bei der Antwort ist schon Kränkung des Verfassers; darf er diesem also zum Munde reden?« fragt Kant in einer Kasuistik zum Problem der Lüge in der »Metaphysik der Sitten«. [Frankfurter Allgemeine Zeitung 1998]
Die katholische Moral erscheint nicht […] als kleinliche Kasuistik, sondern als ein großartiges geschlossenes Gebilde […]. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.1995]
Kollokation:
mit Adjektivattribut: jesuitische Kasuistik
2.
Rechtssprache Versuch und Methode einer Rechtsfindung, die nicht von allgemeinen, umfassenden, sondern von spezifischen, für möglichst viele Einzelfälle gesetzlich geregelten Tatbeständen ausgeht
Beispiele:
Es handelt sich bei dem Verfassungsartikel um eine im Schweizer Recht unübliche und entsprechend unübersichtliche Kasuistik, die in einer Aufführung unzähliger Straftatbestände besteht. [Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2012]
Von den sieben Jahren, die ich auf deutschen Universitäten zubrachte, vergeudete ich drei […] Lebensjahre durch das Studium der römischen Kasuistik, der Jurisprudenz, dieser illiberalsten Wissenschaft. [Spiegel, 03.04.2011 (online)]
Das Besondere an der Auseinandersetzung um die Patientenverfügung ist, daß sie eine beinahe grenzenlose Kasuistik erlaubt. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2005]
3.
Medizin Beschreibung von Krankheitsfällen
Beispiele:
Es handelt sich [in dem Fachaufsatz] um die Kasuistik einer jungen Frau, die davon berichtet, daß es nach dem offenbar zu raschen Absetzen […] [eines Medikamentes] zu extremen Mißempfindungen in Form von »elektrischen Stromschlägen« in den Armen und Beinen gekommen sei. [nachrichtenbrief.wordpress.com, 17.09.2014]
Denn auch in der Kasuistik weiblicher Krankheiten und Patientinnen hat man es ja mit männlichen Ärzten als Autoren zu tun[…]. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2000]
Man nehme ein oder zwei für den gewünschten Zweck günstig erscheinende Fälle des zu bearbeitenden Krankheitsbildes und betreibe »wissenschaftliche Kasuistik«, das heißt, man verallgemeinere die meist zufälligen Beobachtungen. [Die Zeit, 01.12.1955, Nr. 48]
4.
bildungssprachlich spitzfindige Argumentation; Haarspalterei; Wortverdreherei
Beispiele:
Das zeigt sich in […] [seiner] merkwürdiger Kasuistik: Zuchttiere wie Schweine und Rinder, die wir gerne essen, dürfen wir gerne essen, sagt er, weil sie erst dadurch, dass wir sie essen wollen, ihre Existenz bekommen. [Berliner Zeitung, 10.05.2004]
Sie [die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Louise Aston (1814–1871)] verteidigt sich […] mit einer lässigen Kasuistik, die einem studierten Anwalt Ehre machen würde. Man beschuldige sie, die Frauen emanzipieren zu wollen. Ja, seit wann seien Absichten strafbar?. [Die Zeit, 20.11.2014, Nr. 48]
Die Union […] beharrt nicht auf einer einmal falsch getroffenen Entscheidung, nur um ihr Gesicht zu wahren. Sie sollte jetzt auch keine kleinliche Kasuistik betreiben, was an verschärfenden Umständen womöglich noch hinzugekommen ist. [Die Welt, 11.11.2003]
Weil wir sprechende Wesen sind, gehört Verletzbarkeit durch Sprache zu unserem Menschsein, und keine noch so sorgfältige Kasuistik des Sagbaren und des Unsagbaren wird uns daraus erlösen können. [Die Zeit, 26.03.1998, Nr. 14]

Thesaurus

Linguistik/Sprache, Psychologie
Synonymgruppe
Silbenstecherei · ↗Spitzfindigkeit · ↗Wortklauberei  ●  ↗Haarspalterei  fig. · ↗Erbsenzählerei  ugs., fig. · ↗Finesse  geh., franz. · ↗Fliegenbeinzählerei  ugs., fig. · Kasuistik  geh. · ↗Korinthenkackerei  derb · ↗Paralogistik  geh., griechisch · ↗Rabulistik  geh., lat. · ↗Sophisterei  geh., griechisch · ↗Sophistik  geh., abwertend, bildungssprachlich · Wortverdreherei  ugs.
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

entwickelt ethisch jesuitisch moralisch moraltheologisch soziologisch

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Kasuistik‹.

Zitationshilfe
„Kasuistik“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Kasuistik>, abgerufen am 20.08.2019.

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