Hirngespinst, das

GrammatikSubstantiv (Neutrum)
Aussprache
WorttrennungHirn-ge-spinst
eWDG, 1969

Bedeutung

Phantasiegebilde, Produkt der Einbildungskraft
Beispiele:
etw. für ein Hirngespinst halten, erklären
Hirngespinsten nachjagen
sich in Hirngespinste verlieren
etw. als Hirngespinst abtun
Aber dann verwarf er all diese Gedanken als Hirngespinste [JohoWendemarke121]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Gespinst · Hirngespinst
Gespinst n. ‘Gesponnenes, zartes Gewebe’ entsteht im 16. Jh. (durch Entrundung des Stammsilbenvokals) aus älterem Gespünst, Gespunst, mhd. gespunst n. f. ‘Gespinst, die Arbeit des Spinnens’, dem Verbalabstraktum zu dem unter ↗spinnen (s. d.) behandelten Verb. Hirngespinst n. ‘Einbildung, Phantasiebild’ (18. Jh.).

Hirn · Gehirn · Hirngespinst · hirnverbrannt
Hirn n. im Kopf befindlicher Teil des Zentralnervensystems, auf dessen mehr oder weniger ausgebildeter Funktionsfähigkeit die Einteilung in höher und niedriger entwickelte Lebewesen beruht; heute seltener neben üblicherem Gehirn (s. unten), doch bewahrt in Zusammensetzungen (vgl. Hirnhaut, -masse, Groß-, Kleinhirn); übertragen ‘Verstand, Kopf’. Im Unterschied zu anord. hjarsi ‘Scheitel’, das (wie wohl auch nl. hersenen) auf germ. *hersan- zurückgeht, setzen ahd. hirni (8. Jh.), mhd. hirn(e), herne, mnd. hē̌rne, harne, anord. hjarni, norw. dän. hjerne, schwed. hjärna germ. *herzn- ‘Hirn’ voraus. Die genannten Formen gehören wie ↗Hornisse (s. d.) und dessen unmittelbare Entsprechungen zu einer s-(e)n-Erweiterung der Wurzel ie. *k̑er(ə)- ‘das Oberste am Körper, Kopf, Horn’ (dazu s. auch ↗Horn und vgl. Nussbaum Head and Horn (1986)). Zur gleichen Wurzel bzw. ihren vielfachen Erweiterungen stellen sich aind. śíraḥ (Genitiv śīrṣṇáḥ) ‘Haupt, Kopf, Spitze’, awest. sarah- ‘Kopf’, griech. kárā (κάρα) ‘Haupt, Kopf’ (s. ↗Karotte), krāníon (κρανίον) ‘Schädel’ (s. ↗Migräne), lat. cerebrum (wohl aus ie. *k̑erəsrom; unsicher ist der Vokal der zweiten Silbe) ‘Gehirn’ (vgl. fachsprachliches zerebral ‘das Großhirn betreffend’; s. auch ↗Zervelatwurst), lat. cervīx (aus *cersvīc-) ‘Nacken’ (eigentlich wohl ‘Kopfhalter’, wenn zu lat. vincīre ‘binden, fesseln’), ferner innerhalb und außerhalb des Germ. zahlreiche Benennungen gehörnter Tiere (s. ↗Hirsch). Im Nhd. dafür häufiger die bereits in mhd. gehirne, mnd. gehērne begegnende Kollektivbildung Gehirn n. Hirngespinst n. ‘Phantasiegebilde, krankhafte Einbildung, Traum-, Wahnvorstellung’ (1. Hälfte 18. Jh.), aus der Redensart das Hirn (er)spinnt (17. Jh.). hirnverbrannt Adj. ‘unsinnig, verrückt’ (Mitte 19. Jh.), nach dem Vorbild von frz. cerveau brûlé ‘überspannter Kopf, verrückte Person’ (eigentlich ‘verbranntes Gehirn’).

Thesaurus

Synonymgruppe
Artefakt · ↗Chimäre · ↗Einbildung · ↗Erscheinung · ↗Phantasmagorie · ↗Phantom · ↗Schimäre · ↗Sinnestäuschung · ↗Trugbild  ●  Hirngespinst  ugs.
Assoziationen
Synonymgruppe
Ausgeburt der Fantasie · Ausgeburt der Phantasie · ↗Fantasiegebilde · ↗Fantasieprodukt · ↗Fantasterei · Flausen im Kopf · ↗Kopfgeburt · ↗Phantasiegebilde · ↗Phantasieprodukt · ↗Phantasterei · Produkt der Fantasie  ●  Ausgeburt einer kranken Fantasie  stark abwertend · Ausgeburt einer kranken Phantasie  stark abwertend · Hirngespinst  ugs. · ↗Luftschloss  ugs. · ↗Spinnerei  ugs. · ↗Wolkenkuckucksheim  ugs. · ↗Wolkenschloss  ugs., fig.
Oberbegriffe
Assoziationen
  • leere Versprechungen  ●  ↗Seifenblase  fig. · ↗Windei  fig. · ↗Luftnummer  ugs. · vox et praeterea nihil  geh., lat.
  • Fieberträume · ↗Phantasterei (häufig Plur.) · blühender Unsinn · der reinen Phantasie entsprungen · wilde Phantasien
  • Wahnidee · ↗Zwangsvorstellung  ●  fixe Idee  ugs.
  • (sich) als Illusion herausstellen · (sich) als unrealistisch erweisen · (sich) nicht erfüllen · (sich) nicht realisieren · (zer)platzen wie eine Seifenblase · nicht Realität werden · nicht in Erfüllung gehen  ●  (sich) zerschlagen (Hoffnungen)  fig. · ↗zerplatzen (Träume)  fig. · (in sich) zusammenfallen wie ein Kartenhaus  ugs.
  • Einbildung · ↗Erscheinung · ↗Geisterbild · ↗Halluzination · ↗Illusion · ↗Offenbarung · ↗Phantom · ↗Selbsttäuschung · ↗Sinnestäuschung · ↗Trugbild · ↗Täuschung · ↗Vision · ↗Wahnbild · ↗Wahnvorstellung  ●  ↗Fata Morgana  fig. · ↗Gesicht (oft Plural: Gesichte)  veraltet · Hirngespinst  abwertend · Butterland  fachspr., Jargon, seemännisch · Hallu (meist Plural: Hallus)  ugs. · reizunabhängige Sinneswahrnehmung  fachspr.
  • (etwas) fabeln (von) · ↗fabulieren · wirres Zeug reden  ●  Unsinn erzählen  Hauptform · ↗(herum)fantasieren  ugs. · ↗(herum)phantasieren  ugs. · ↗(herum)spinnen  ugs. · (sich) einen zusammenphantasieren  ugs. · Blech reden  ugs., veraltend · Scheiße erzählen  derb · Scheiße reden  derb · einen vom Pferd erzählen  ugs. · ↗irrereden  geh. · rumspacken  ugs., jugendsprachlich, salopp · saublöd daherreden  ugs., süddt. · saudummes Zeug daherreden  ugs. · ↗spintisieren  ugs.
  • (positive) Utopie · ↗Ideal · ↗Vision · ↗Vorbild · ↗Vorstellung · ↗Zukunftsbild
  • leicht verrückt sein · mit jemandem ist kein vernünftiges Wort zu reden · nicht ganz bei Verstand sein · seine fünf Sinne nicht beieinander haben  ●  einen kleinen Mann im Ohr haben  fig., veraltend · ↗spinnen  Hauptform · (bei jemandem ist) eine Schraube locker  ugs., fig. · (en) Pinn im Kopp haben  ugs., norddeutsch · (jemandem haben sie) ins Gehirn geschissen  derb · (jemandem) geht's wohl nicht gut  ugs. · (wohl) einen Sonnenstich haben  ugs., fig. · den Schuss nicht gehört haben  ugs., fig. · die Kappe kaputt haben  ugs. · eine Meise haben  ugs. · eine Schraube locker haben  ugs., fig. · einen Dachschaden haben  ugs., fig. · einen Hammer haben  ugs. · einen Haschmich haben  ugs. · einen Hau weg haben  ugs. · einen Knacks weghaben  ugs. · einen Knall haben  ugs. · einen Piep haben  ugs. · einen Piepmatz haben  ugs., fig. · einen Schaden haben  ugs. · einen Schatten haben  ugs. · einen Schlag haben  ugs. · einen Schlag weg haben  ugs. · einen Sockenschuss haben  ugs. · einen Spleen haben  ugs. · einen Sprung in der Schüssel haben  ugs., fig. · einen Triller unterm Pony haben  ugs., scherzhaft · einen Vogel haben  ugs., fig. · einen an der Klatsche haben  ugs. · einen an der Mütze haben  ugs. · einen an der Waffel haben  ugs. · einen feuchten / nassen Hut aufhaben  ugs., fig. · einen weichen Keks haben  ugs. · gaga sein  ugs. · nicht alle Latten am Zaun haben  ugs., fig. · nicht alle Tassen im Schrank haben  ugs., fig. · nicht ganz bei Trost sein  ugs. · nicht ganz dicht sein  ugs. · nicht ganz frisch in der Birne (sein)  ugs. · nicht ganz richtig im Hinterstübchen sein  ugs. · nicht ganz richtig im Kopf sein  ugs. · nicht ganz sauber ticken  ugs. · nicht richtig ticken  ugs. · sie nicht alle haben  ugs. · verpeilt sein  ugs. · verstrahlt sein  derb · weiß nicht, was er daherredet  ugs.
  • (den) Bezug zur Realität verlieren · ↗abheben  ●  (die) Bodenhaftung verlieren  fig.
  • (der) Wunsch (ist/war) der Vater des Gedankens · ↗Illusion · ↗Wunschbild · ↗Wunschdenken · ↗Wunschtraum · ↗Wunschvorstellung · falsche Hoffnung · frommer Wunsch  ●  schöner Traum  fig. · zu hoch gegriffen (Ziel)  fig. · ↗Blütentraum  geh.
  • Feenpalast · ↗Märchenschloss · ↗Traumschloss · ↗Wolkenkuckucksheim
  • (das) Blaue vom Himmel versprechen · goldene Berge versprechen · unrealistische Erwartungen wecken
  • Idealisierung · ↗Schwärmerei · ↗Träumerei
Psychologie
Synonymgruppe
Einbildung · ↗Erscheinung · ↗Geisterbild · ↗Halluzination · ↗Illusion · ↗Offenbarung · ↗Phantom · ↗Selbsttäuschung · ↗Sinnestäuschung · ↗Trugbild · ↗Täuschung · ↗Vision · ↗Wahnbild · ↗Wahnvorstellung  ●  ↗Fata Morgana  fig. · ↗Gesicht (oft Plural: Gesichte)  veraltet · Hirngespinst  abwertend · Butterland  fachspr., Jargon, seemännisch · Hallu (meist Plural: Hallus)  ugs. · reizunabhängige Sinneswahrnehmung  fachspr.
Oberbegriffe
Unterbegriffe
  • optische Täuschung · visuelle Illusion
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Idee Realität Schwarz-Grün Traum Vision Wirklichkeit absurd abtun bezeichnen bloß entpuppen erweisen leer nachhängen nachjagen pur rein zurückweisen

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Hirngespinst‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Sie ist kein Hirngespinst, diese Reihung, es gibt sie, ganz offiziell.
Süddeutsche Zeitung, 01.10.2001
Die These von der immer seichteren Unterhaltung hält Worms für ein Hirngespinst.
Die Zeit, 18.09.2000, Nr. 38
Er stritt dies ab und sagte, meine Idee eines Ultimatums sei ein Hirngespinst.
o. A.: Vierzehnter Tag. Donnerstag, 6. Dezember 1945. In: Der Nürnberger Prozeß, Berlin: Directmedia Publ. 1999 [1945], S. 28848
Sofie ist das, Sofie, die er als Person kaum je wahrgenommen hat, nur als obsessives Hirngespinst seines Chefs.
Krausser, Helmut: Eros, Köln: DuMont 2006, S. 137
Aber auch das eigentliche, unübertragene Phantom ist kein Hirngespinst, sondern ein Phantom.
Reimann, Hans: Vergnügliches Handbuch der Deutschen Sprache, Düsseldorf: Econ-Verl. 1964 [1931], S. 313
Zitationshilfe
„Hirngespinst“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Hirngespinst>, abgerufen am 25.05.2019.

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