Gründerzeit, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Gründerzeit · Nominativ Plural: Gründerzeiten
Aussprache
WorttrennungGrün-der-zeit
WortzerlegungGründerZeit
Wahrig und DWDS, 2017

Bedeutungen

1.
nur im Singular
Phase wirtschaftlichen Aufschwungs in Mitteleuropa im Zuge der Industrialisierung bis ca. 1873
Beispiele:
[…] Für Länder wie Deutschland und Großbritannien begann mit der Dampflokomotive der Boom der Gründerzeit. [Süddeutsche Zeitung, 04.11.2006]
Daß sich die Autoren sehr intensiv mit dem Alltagsleben der Gründerzeit beschäftigt haben, erweist sich im entsprechenden Kapitel, das eine Essenz der neueren Forschungen über die Anfänge der Industrialisierung, der Münchner Arbeiterbewegung und über die Wohn- und Lebensbedingungen kleiner Leute enthält. [Süddeutsche Zeitung, 13.10.1993]
In der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts lebten die Arbeiter in Kleinstwohnungen von etwa 24 qm, wovon 16 qm das Wohnzimmer einnahm, das durchschnittlich von acht Personen zum Schlafen benützt wurde. [konkret, 2000 [1982]]
Waren es zunächst Burgen und Dome als Zeugen des verlorenen Mittelalters und Symbole nationaler Größe, so schärften Industrialisierung und Gründerzeit den Blick etwa für das Bürgerhaus, den Bauernhof und die Windmühle, endlich auch für Fabrik und Bahnhof. [Die Zeit, 03.11.1972, Nr. 44]
spezieller Phase wirtschaftlichen Aufschwungs, ab 1871, in der viele neue Unternehmen in Deutschland gegründet wurden
siehe auch Gründerjahr
Beispiele:
[…] in der Gründerzeit gab es […] einen gigantischen Bauboom, der bürgerliche Wohnquartiere ebenso wachsen ließ wie Arbeitersiedlungen mit ihren berüchtigten Mietskasernen[…]. [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2006]
In Berlin entstanden vor allem in der Gründerzeit nach 1871 vornehme Villenviertel, in denen wohlhabende Bürger ihre Vorstellungen von Luxus und Lebensstil in Stein erstehen ließen. [Welt am Sonntag, 07.04.2002]
[…] Die »neureichen« Bürger der Gründerzeit verzehrten sich in der Sehnsucht, den Lebensstil der Aristokratie zu imitieren. [Der Standard, 02.06.2016]
Dass das Unternehmen [Krupp] seine zu Beginn der 1870er Jahre, in den »goldenen Jahren« der Gründerzeit, erzielten Umsätze nicht nur im Wesentlichen halten, sondern bald schon übertreffen konnte, verdankte es allein den außerordentlich anwachsenden Rüstungsaufträgen. [Gall, Lothar: Krupp, Berlin: Siedler 2000, S. 203]
Das erste Wirtschaftswunder des Deutschen Reiches – die Gründerzeit – bezahlten die geschlagenen Franzosen, denen Bismarck 1871 über fünf Milliarden Goldfranc abpreßte […]. [Der Spiegel, 12.03.1990, Nr. 11]
Kollokationen:
mit Adjektivattribut: die industrielle, wilhelminische Gründerzeit; eine neue, zweite Gründerzeit
in Präpositionalgruppe/-objekt: Gebäude, Häuser, Mietshäuser, Villen aus der Gründerzeit
als Genitivattribut: der Geist der Gründerzeit
2.
meist im Singular
Stil in Kunst(handwerk) und Architektur der Gründerzeit (Lesart 1)
Beispiele:
Vielleicht ist Kakanien [die österreich-ungarische Monarchie] noch lebendiger in den alten Vorstädten Lembergs: mit allegorischen Figuren geschmückte Fassaden, […] von großen Bäumen beschattete Häuser aus Gründerzeit und Jugendstil[…]. [Süddeutsche Zeitung, 01.09.2014]
Wir restaurieren für Sie: […] von Barock bis Gründerzeit ihre antiken Möbel […]. [Berliner Zeitung, 25.05.1990]
Wenige Schritte weiter, dort wo sich die Untergrundbahn als Hochbahn zeigt, steht schon 106 Jahre ein imposantes Mietshaus »Schönhauser« Nummer 147. Seine Verzierungen und Säulen vor den Eingängen waren typisch für die Gründerzeit. [Neues Deutschland, 24.10.1981]
Stellte man etwa ein Vertiko oder ein Muschelbüfett der Gründerzeit zwischen moderne Möbel, wird es unangenehm auffallen oder mißfallen. [Oheim, Gertrud: Das praktische Haushaltsbuch, Gütersloh: Bertelsmann 1967 [1954], S. 121]
Kollokationen:
in Präpositionalgruppe/-objekt: Mobiliar aus der Gründerzeit
als Genitivattribut: die Architektur, der Stil der Gründerzeit
3.
Zeit, in der etw. begründet oder die Voraussetzungen für etw. geschaffen wurden
Beispiele:
[…] [Der Politiker] beruft sich gerne auf die soziale Marktwirtschaft[…] – also auf jenes Leitbild aus der Gründerzeit der Bundesrepublik, das allgemeingültige Regeln für alle Wirtschaftsakteure vorsah […]. [Spiegel, 08.08.2016 (online)]
[…] auch in Deutschland beginnt gerade so etwas wie eine neue Gründerzeit für Journalismus im Internet. [Der Spiegel, 25.08.2014, Nr. 35]
Die Gründerzeiten, Pionierzeiten in Amerika, waren bevölkert von Rinderbaronen, Friedensrichtern und jenen Sheriffs, die den Fremden misstrauisch musterten und erklärten: »Dies ist meine Stadt und ich bin hier das Gesetz.« [Süddeutsche Zeitung, 25.06.2013]
Die gesamte Szene [des digitalen Marktes] prägt inzwischen allerdings ein Wildwuchs, der typisch ist für das, was man gemeinhin Gründerzeit nennt. [Die Zeit, 27.04.2000, Nr. 18]
Schon zu den Gründerzeiten dieses Sportes [Hammerwerfen] wuchteten speziell in Schottland schwergewichtige Männer[…] eiserne Schmiedehämmer in die Botanik[…]. [Berliner Zeitung, 13.05.1968]
Kollokation:
mit Genitivattribut: die Gründerzeit der Bundesrepublik, des Rundfunks
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Grund · gründen · Gründer · Gründerjahre · Gründerzeit · begründen · Begründer · ergründen · gründeln1 · grundieren · gründlich · Gründlichkeit · Grundbesitz · Grundbesitzer · Grundlage · grundlos · Grundriß · Grundsatz · grundsätzlich · Grundstück · Grundel · Gründel · Gründling · Grundfisch · gründeln2
Grund m. ‘unterste Fläche, Erdboden, Bodenvertiefung, Tiefe und Boden eines Gewässers, eines Gefäßes, Fundament, Grundlage, das innerste, tiefste Wesen, Ursache, Veranlassung’, ahd. grunt (8. Jh.), mhd. mnd. grunt, asächs. grund, nl. grond, aengl. grund, engl. ground, anord. grunnr m. ‘Grund, Boden’, grund f. ‘Feld, Erde’, schwed. dän. grund, got. *grundus (in grunduwaddjus ‘Grundmauer’). Unter Annahme einer (nicht belegbaren) ursprünglichen Bedeutung ‘körniger Boden, Sandboden’ kann für germ. *grundu- über ‘Zerriebenes’ ein Anschluß an ie. *ghren-, Erweiterung der Wurzel ie. *gher- ‘hart worüber streichen, zerreiben’, hergestellt werden. Dabei ergibt sich über die dentale Erweiterung ie. *ghrendh- Verwandtschaft mit ↗Grind (s. d.). gründen Vb. ‘die Grundlage schaffen, den Grundstein legen, ins Leben rufen, auf etw. basieren, aufbauen’, ahd. grunten ‘ergründen, erforschen’ (um 1000), mhd. gründen; Gründer m. ‘Erbauer, Urheber, Begründer’ (17. Jh.); Gründerjahre Plur. und Gründerzeit f. ‘Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland nach 1871’ (19. Jh.). begründen Vb. ‘Gründe angeben, den Grund legen, neu schaffen’, mhd. begründen; Begründer m. (Anfang 19. Jh.). ergründen Vb. ‘einer Sache auf den Grund gehen, sie erforschen’, ahd. irgrunten (um 1000), mhd. ergründen. Nur vereinzelt gründeln1 Vb. ‘nach dem Grund, nach der Ursache suchen’ (16. Jh.). grundieren Vb. ‘nach dem Grund, nach der Ursache suchen’ (16. Jh.). ‘die Grundfarbe, den ersten Anstrich auftragen’ (2. Hälfte 18. Jh.), in formaler Anlehnung an ältere maltechnische Begriffe wie ↗schattieren, ↗lackieren, ↗schraffieren (s. d.). gründlich Adj. ‘allem auf den Grund gehend, sorgfältig, gewissenhaft, genau’, ahd. gruntlīhho Adv. (9. Jh.), mhd. grüntlich, gruntlich; Gründlichkeit f. ‘Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit’, allgemein seit Anfang des 18. Jhs., vereinzelt bereits im Sinne von ‘Seelen-, Herzenstiefe’ in der deutschen Mystik (14. Jh.). Grundbesitz m. Grundbesitzer m. (beide 18. Jh.). Grundlage f. ‘Unterlage, Basis, Fundament’ (Ende 16. Jh.). grundlos Adj. ‘ohne Grund und Boden, sehr tief, ohne Ursache, unbegründet’, mhd. gruntlōs, grundelōs; vgl. ahd. gruntlōsī ‘bodenlose Tiefe, Abgrund’ (8. Jh.). Grundriß m. ‘senkrechte Projektion eines Körpers auf eine waagerechte Ebene, maßstabgerechter Übersichtsplan’ (1. Hälfte 17. Jh.), älter (vereinzelt) ‘Grundlage’ (16. Jh.). Grundsatz m. ‘feste Regel, Richtlinie des Denkens und Handelns’ (17. Jh.); grundsätzlich Adj. (16. Jh.; allgemein verbreitet erst um 1800). Grundstück n. ‘abgegrenztes, als jmds. Besitz ausgewiesenes Stück Land’ (16. Jh.). Grundel, Gründel m. f. Name einiger auf dem Grund eines Gewässers lebender Fische, ahd. gruntila, grundila (Hs. 12. Jh.), mhd. grundel, mnd. grundel(e), mnl. grondel(e), nl. grondel, aengl. gryndle. Auch Gründling m. mnd. grundelingk, frühnhd. grundeling (15. Jh.) und Grundfisch m. spätmhd. gruntvisch. gründeln2 Vb. (von Wasservögeln) mit Kopf und Hals zur Nahrungssuche unter Wasser (gleichsam auf den Grund) tauchen (19. Jh.).

Thesaurus

Geschichte
Synonymgruppe
Gründerjahre · Gründerzeit
Oberbegriffe

Typische Verbindungen
computergeneriert

Altbau Altbaute Aufbruch Backsteinbau Barock Baute Biedermeier Boom Bürgerhaus Bürgertum Fassade Historismus Jahrhundertwende Jugendstil Kaiserreich Klassizismus Mietshaus Mietskaserne Mobiliar Pathos Relikt Renaissance Stadthaus Straßenzug Stuckfassade Villa Wohnhaus anbrechen bundesrepublikanisch wilhelminisch

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Gründerzeit‹.

Zitationshilfe
„Gründerzeit“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Gründerzeit>, abgerufen am 18.06.2019.

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