Größenwahn

GrammatikSubstantiv
WorttrennungGrö-ßen-wahn
eWDG, 1969

Bedeutung

abwertend übersteigerte Selbsteinschätzung
Beispiele:
an Größenwahn leiden
diese Idee grenzt an Größenwahn
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

groß · Größe · Größenwahn · größenwahnsinnig · vergrößern · großartig · großsprecherisch · großkotzig · großmütig · Großmut · großzügig · Großzügigkeit · Großmacht · großmächtig · Großstadt · Großstädter · großstädtisch · Großmutter · Großvater
groß Adj. ‘ausgedehnt, von beträchtlichem Ausmaß’, bei näherer Bestimmung der räumlichen Ausdehnung mit vorangestellter Maßangabe im Akkusativ (seit Ende des 18. Jhs., zuvor und bis ins 19. Jh. im Genitiv), auch ‘der Zahl, dem Grad nach herausragend, von hohem Wert, besonderer Bedeutung’, ahd. (9. Jh.), mhd. grōʒ, asächs. mnd. grōt, mnl. nl. groot, afries. grāt, aengl. grēat, engl. great. Die semantische Entwicklung des nur westgerm. belegten Adjektivs germ. *grauta-, das wahrscheinlich mit anord. grautr ‘Grütze’ (s. ↗Grütze) und lit. graudùs ‘spröde, brüchig’, lett. grauds ‘Korn’ an ie. *ghrēud-, Erweiterung der Wurzel ie. *gher- ‘hart worüber streichen, zerreiben’ anzuschließen ist, entspricht zunächst der des vielleicht ebenfalls verwandten ↗grob (s. d.): aus ‘grobkörnig’ (so noch im Aengl. und gelegentlich im Frühnhd.) erwächst die Bedeutung ‘massig, dick’, die in mhd. Zeit vorherrscht. Daran knüpfen sich (schon ahd. und in den übrigen westgerm. Sprachen) Übertragungen auf andere räumliche Erstreckungen (‘lang, breit, weit’) und (besonders asächs. mnd. mnl. frühnhd.) auf Mengen (‘zahlreich, viel’), ferner (bereits asächs. mhd. mnd. mnl. sowie im modernen Engl.) Verwendungen, die Qualitätsmerkmale, namentlich einen hohen Rang oder außergewöhnlichen Wert kennzeichnen (‘bedeutsam, wichtig, hervorragend, vornehm’). Der im älteren Nhd. verbreitete Gebrauch als intensivierendes Adverb ist heute auf bestimmte Konstruktionen, vor allem auf einige negative Fügungen (nicht groß, niemand groß) eingeschränkt. Jüngerer Umgangssprache gehört adverbielles (ganz) groß ‘großartig, prächtig’ an (groß ausgehen, etw. ganz groß ankündigen). Die oben angeführten Formen vom Stamm *grauta- verdrängen im Kontinentalwestgerm. das vorher zur Bezeichnung eines beträchtlichen Ausmaßes übliche gemeingerm. Adjektiv ahd. mihhil (8. Jh.), asächs. mikil, mhd. michel, mnd. mnl. mēkel, michel, aengl. micel, anord. mikill, got. mikils (noch lebendig in engl. much, schwed. mycken, dän. megen ‘viel’ und in Namen wie Michelstadt, Mecklenburg), das wie lat. magnus, griech. mégas (μέγαϛ) (s. ↗mega-), aind. mahā́n ‘groß’ auf die Wurzel ie. *meg̑(h)- ‘groß’ zurückgeht. Größe f. ‘räumliche Ausdehnung, Ausmaß, hoher Wert, besondere Bedeutung’, auch ‘bedeutende Persönlichkeit’, terminologisch in der Mathematik ‘durch eine Zahl ausdrückbarer Begriff’ (16. Jh.), in der Bekleidungsindustrie ‘genormtes Maß für Kleidungsstücke’ (20. Jh.), ahd. grōʒī (9. Jh.), mhd. grœʒe ‘Größe, Dicke’, mnd. grȫte ‘Größe, Menge’ als Adjektivabstraktum; dazu Größenwahn m. ‘krankhaft übersteigertes Selbstgefühl’ (auch Größenwahnsinn) und größenwahnsinnig Adj. (alle 19. Jh.). vergrößern Vb. ‘größer machen’, reflexiv ‘größer werden’ (17. Jh.), löst vorausgehendes ergrößern (16. Jh.), größern (Ende 15. Jh.) ab; vgl. auch gleichbed. mhd. grœʒen, frühnhd. größen. großartig Adj. ‘prächtig, eindrucksvoll, hervorragend’, auch mit negativer Wertung ‘prahlerisch, auf Wirkung abzielend’ (Anfang 19. Jh., zunächst für ↗grandios, s. d.). großsprecherisch Adj. ‘prahlerisch, wichtigtuerisch’ (17. Jh.), zu älterem Großsprecher (15. Jh.), groß sprechen, großsprechen (16. Jh.); in ähnlichem Sinne umgangssprachlich großkotzig Adj. (19. Jh.), wohl dem Rotw. entstammend, vgl. jidd. kozin ‘reicher Mann’, hebr. qātzīn ‘Fürst, Anführer, Richter’. großmütig Adj. ‘edel denkend, nachsichtig’ (so vom 17. Jh. an), spätmhd. grōʒmüetec, -muotec (14. Jh.) und im Frühnhd. ‘hochgestimmt, kühn, unverzagt’ (für lat. magnanimus); vgl. ahd. mihhilmuotīg ‘tapfer, beherzt’ (11. Jh.); Großmut f. ‘edle Gesinnung’, frühnhd. auch ‘Kühnheit’ (16. Jh.). großzügig Adj. ‘nicht kleinlich, freigebig, tolerant’ (um 1900); Großzügigkeit f. (Anfang 20. Jh.). Großmacht f. ‘entscheidenden Einfluß auf die internationale Politik ausübender Staat’ (Mitte 19. Jh., zunächst von bestimmten Staaten des Deutschen Bundes, entsprechend frz. grande puissance), vorher gleichbed. mit große Macht, woraus es zusammengerückt ist (17. Jh.); früher bezeugt ist großmächtig Adj. ‘sehr mächtig’ (besonders in Titeln), ‘sehr groß’, frühnhd. auch ‘von kräftiger Gestalt, dick’ (15. Jh.). Großstadt f. ‘große Stadt’, namentlich (nach statistischer Festlegung) ‘Stadt mit mehr als 100 000 Einwohnern’, vereinzelt schon im 16. Jh. vorkommend, dann seit Anfang des 19. Jhs., wohl angelehnt an Großstädter m. (17. Jh.), großstädtisch Adj. (Mitte 18. Jh.). Großmutter f. Großvater m. ‘Mutter, Vater des Vaters oder der Mutter’, mhd. grōʒmuoter (1350), spätmhd. grōʒvater (um 1400), mnd. grōt(e)mōder, grōt(e)vāder. Die offenbar vom Norden des dt. Sprachgebiets ausgehenden Bildungen treten in dieser Verwendung an die Stelle von mhd. ane f., an(e), ene m. (s. ↗Ahn); wie nl. grootmoeder, grootvader, engl. grandmother, grandfather folgen sie vielleicht dem Muster der allerdings erst verhältnismäßig spät nachweisbaren Zusammensetzungen frz. grand’mère (in diesem Sinne schon afrz. grant mere?), grand-père (16. Jh.), doch ist wegen der frühen Bezeugung im Dt. auch an vom Frz. unabhängige Bildungen zu denken.

Thesaurus

Synonymgruppe
Gigantomanie · Größenwahn · ↗Selbstüberschätzung · übersteigertes Selbstbewusstsein  ●  ↗Megalomanie  fachspr. · Vermessenheitsverzerrung  fachspr.
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Anfall Anflug Anwandlung Arroganz Berufskrankheit Dilettantismus Eitelkeit Gier Hybris Inkompetenz Kleinmut Lehrstück Machtgier Melange Minderwertigkeitsgefühl Minderwertigkeitskomplex Missmanagement Monument Narzißmus Paranoia Protz Realitätsverlust Selbstmitleid chauvinistisch deutschnational gegossen krankhaft provinziell pubertär wilhelminisch

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Größenwahn‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Ohne jenes Gran Größenwahn hat nie je ein Künstler produziert - ein Kritiker übrigens auch nicht.
Die Welt, 16.04.2005
Vielleicht heilen sich die Spiele nun selbst etwas von ihrem Größenwahn.
Der Tagesspiegel, 23.08.2004
Abwertend könnte man es auch als Größenwahn bezeichnen, aber so negativ möchte ich es nicht sehen.
o. A.: Tot oder berühmt. In: Bild der Wissenschaft auf CD-ROM, Stuttgart: Dt. Verl.-Anst. 2000 [1999]
Sie werden den Größenwahn bekommen und glauben, sie seien unsterblich.
Klabund: Der Marketenderwagen. In: Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1918], S. 2324
Er staunte auch über den Größenwahn der Künstler, ihre Gier nach Geld, die sie antrieb, ihre Ruhmsucht und den Ehrgeiz, sich durchzusetzen.
Wondratschek, Wolf: Mozarts Friseur, München, Wien: Carl Hanser Verlag 2002, S. 24
Zitationshilfe
„Größenwahn“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Größenwahn>, abgerufen am 26.04.2019.

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