Gnade, die

GrammatikSubstantiv (Femininum) · Genitiv Singular: Gnade · Nominativ Plural: Gnaden · wird meist im Singular verwendet
Aussprache
WorttrennungGna-de (computergeneriert)
Wortbildung mit ›Gnade‹ als Erstglied: ↗Gnadenakt · ↗Gnadenausschuss · ↗Gnadenbezeigung · ↗Gnadenbrief · ↗Gnadenbrot · ↗Gnadenerlass · ↗Gnadenerweis · ↗Gnadenfrist · ↗Gnadengabe · ↗Gnadengehalt · ↗Gnadengesuch · ↗Gnadenhochzeit · ↗Gnadeninstanz · ↗Gnadenkette · ↗Gnadenlehre · ↗Gnadenort · ↗Gnadenschuss · ↗Gnadenstoß · ↗Gnadenstätte · ↗Gnadenweg · ↗gnadenhaft · ↗gnadenhalber · ↗gnadenlos · ↗gnadenreich · ↗gnadenvoll · ↗gnadenweise
 ·  mit ›Gnade‹ als Letztglied: ↗Gottesgnade · ↗Herrengnade · ↗Himmelsgnade · ↗Ungnade
 ·  mit ›Gnade‹ als Grundform: ↗begnaden · ↗begnadigen
eWDG, 1969

Bedeutungen

1.
spöttisch große, herablassende Güte, großes und unverdientes Wohlwollen
Beispiele:
jmdm. eine Gnade erweisen, gewähren, bezeigen
jmdm. einen Beweis seiner Gnade geben
das ist wohl auch noch eine besondere, hohe, spezielle Gnade?
er hatte die Gnade, das Geschenk anzunehmen, freundlich zu nicken
wollen Sie bitte die Gnade haben!
deine Gnade brauche, will ich nicht
Wollen Ihro Exzellenz nur die Gnade haben, hier hereinzutreten [LessingMinnaV 13]
[der Herzog] der doch von meinem Kommen wisse und die Gnade gehabt habe, mich ... zur Abendtafel einzuladen [KügelgenJugenderinnerungen319]
Vom heiligen Dom dann, inmitten der Stadt, gingen die Segnungen und Gnaden der Kirche in das Volk [WeismantelRiemenschneider12]
Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ [Kirchenlied]
jmd., etw. findet Gnade vor jmdm., vor jmds. Augenjmd., etw. gefällt jmdm.
Beispiele:
nichts findet Gnade vor ihren Augen
Candida, die nur einen Mann wollte, der vor ihnen Gnade fand [KolbSchaukel145]
finden wir Gnade vor Ihren prüfenden Blicken [Th. MannZauberb.2,152]
mit Präposition
in Verbindung mit »aus«
Beispiele:
jmdn., etw. aus Gnade dulden
etw. aus Gnade und Barmherzigkeit tun
jmdm. etw. aus Gnade und Barmherzigkeit geben
Aber höchst selten – und auch dann nur gleichsam aus Gnade – fand er sich etwa an dem Stammtisch ein [Th. MannKönigl. Hoheit7,115]
in Verbindung mit »in«
Beispiele:
wieder in Gnaden aufgenommen werden
in hohen Gnaden bei jmdm. stehen
in Verbindung mit »ohne«
Beispiel:
und dann wurde operiert: »Bei wachen Sinnen, Kamerad, bei vollem Bewußtsein, ohne Gnade und Barmherzigkeit« [A. ZweigErziehung357]
in Verbindung mit »von«
Beispiele:
ich bin nicht von deiner Gnade abhängig
sie wollte von niemandes Gnade abhängen, leben
von jmds. Gnadendurch jmdn. protegiert, von jmdm. befördert
Beispiel:
der Gouverneur von Japans Gnaden [WelkHoher Befehl405]
historisch von Gottes Gnadendurch die besondere Güte, mit dem besonderen Segen Gottes
Beispiel:
er war ein, fühlte sich als ein Herrscher von Gottes Gnaden
in Verbindung mit »zu«
Beispiel:
jmd., etw. kommt wieder zu Gnaden (= jmd., etw. wird wieder aufgenommen)
veraltet Euer, Ihro GnadenAnrede an hohe Adlige
Beispiele:
Der Hochselige / Hat immer groß gedacht von Euer Gnaden [von Wallensteins] / Fürtrefflichem Verstand und Feldherrngaben [SchillerWallenst. TodI 5]
»... aber sie wußte, daß Ihro Gnaden [der Gutsherr] die Sache selbst leiteten ...« [Droste-Hülsh.Judenbuche922]
halten, haltet zu Gnaden!verzeihen Sie!
Beispiele:
Das Kind ist des Vaters Arbeit – Halten zu Gnaden – Wer das Kind eine Mähre schilt, schlägt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig um Ohrfeig – Das ist so Tax bei uns – Halten zu Gnaden [SchillerKabaleII 6]
»Haltet zu Gnaden, Herr Baron«, sagte er nun mit Verneigung [TralowKepler74]
2.
nur im Singular
Milderung einer verdienten Strafe, Befreiung von einer verdienten Strafe, Gewährung einer unverdienten Schonung
Beispiele:
um Gnade bitten
jmdn. um Gnade anflehen
ein Gesuch um Gnade
Gnade walten lassen
er musste sich auf Gnade oder Ungnade (= auf jede Bedingung hin) ergeben
Doch willst du Gnade mir geben, / Ich flehe dich um drei Tage Zeit [SchillerBürgschaft]
Sollte Ew. Majestät die Absicht haben, Gnade walten zu lassen [ZuchardtSpießrutenlauf277]
gehoben Gnade üben
Beispiel:
Sie möchten doch Gnade an ihm üben [FalladaJeder stirbt334]
Gnade vor, für Recht ergehen lassenvon einer Bestrafung absehen
Beispiele:
er wollte noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen
Damit ihr wenigstens in der Oper seht / Wie einmal Gnade vor Recht ergeht [BrechtDreigroschenoperIII 3]
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

Gnade · begnaden · begnadet · begnadigen · gnädig · Gnadenbrot · Gnadenfrist · gnadenreich · Gnadenstoß
Gnade f. ‘verzeihende Güte, Nachsicht, Schonung, herablassende Gunst, Strafnachlaß’, in der christlichen Religion ‘Barmherzigkeit Gottes, Sündenvergebung’, ahd. gināda ‘göttliches Erbarmen, Gottes Hilfe, Wohlwollen, Gunst’ (8. Jh.), mhd. g(e)nāde ‘das Sichniederlassen, um auszuruhen, ruhige Lage, Glück(seligkeit), Gunst, Huld, Gottes Hilfe und Erbarmen’, asächs. (gi)nāða, mnd. genāde, mnl. ghenāde, nl. genade, anord. (aus dem Asächs. oder Mnd.) nāð ‘Gnade, Frieden, Ruhe’ sind dehnstufige Feminina zu einem nur in got. niþan ‘helfen’ belegten Verb unbekannter Herkunft. Eine Verbindung zu aind. nā́thatē ‘sucht Hilfe, fleht’ und griech. oninánai (ὀνινάναι) ‘nützen, helfen’ ist zweifelhaft. Als Ausgangsbedeutung für das Verb wird ‘sich in Ruhelage begeben, sich niederlassen, um auszuruhen’ und für das Substantiv entsprechend ‘Ruhe, ruhiges Leben, Friede, Glück’ angenommen (vgl. spätmhd. diu sunne gēt ze genāden ‘die Sonne geht unter, begibt sich zur Ruhe’). Gnade im Sinne von ‘huldvolles Zugeneigtsein’ wird in der süddeutschen Mission Übersetzungswort für kirchenlat. grātia und auf das Verhältnis Gottes zu den Menschen bezogen. Die als Zusatz bei Herrschertiteln erscheinende Formel von Gottes Gnaden ist die seit dem 13. Jh. geläufige Übersetzung von lat. grātiā deī, griech. cháriti theū́ (χάριτι θεοῦ), zurückgehend auf Paulus (1. Kor. 15, 10), der sein Apostelamt auf der Gnade Gottes aufbaut. Sie wird von Karl dem Großen dem weltlichen Herrschertitel hinzugefügt. Die Anrede Euer Gnaden, mhd. iuwer gnāde, daneben Ihr(e), Ihro Gnaden (16. Jh.) an fürstliche oder hochgestellte Personen entwickelt sich unter Einwirkung von spätlat. tua bzw. vestra clēmentia. Ferner vgl. Redewendungen wie Gnade geht vor Recht, mhd. gnāde gēt vür daʒ reht; sich auf Gnade und Ungnade ergeben ‘sich bedingungslos ausliefern’ (15. Jh.); die Gnade haben (‘geruhen’), etw. zu tun (18. Jh.); zu Gnaden halten ‘gnädig sein’ (18. Jh.); Gnade ergehen lassen ‘Nachsicht üben’ (19. Jh.). begnaden Vb. ‘eine Gnade zuteil werden lassen, mit hohen Gaben beschenken’, mhd. begnāden ‘Gnade erweisen, ein Privileg erteilen, Almosen geben’; dazu begnadet Part.adj. ‘hochbegabt, genial’, eigentlich ‘durch Gnade mit besonderen Gaben beschenkt’, vgl. ein begabter vnd begnadter Mensch (17. Jh.). begnadigen Vb. ‘Strafnachlaß, Straferlaß gewähren, Gnade erweisen, beschenken’ (16. Jh.), spätmhd. begnādigen, begnedigen ‘mit einer Gnade versehen, begaben, beschenken’; mit Umlaut (begnädigen) noch im 18. Jh. Als Part.adj. begnadigt im Sinne von begnadet (s. oben) vereinzelt bis ins 19. Jh. gnädig Adj. ‘Gnade übend, gewährend, barmherzig, gütig, nachsichtig, freundlich’, ahd. ginādīg ‘wohlwollend, liebreich, barmherzig, mild, geneigt’ (8. Jh.), mhd. genædec; zunächst (seit ahd. Zeit) vornehmlich Attribut Gottes. Dann häufig (14. Jh.) in der Anrede adliger, später (18. Jh.) auch bürgerlicher Personen, vgl. gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädiges Fräulein, auch substantiviert die Gnädige, meine Gnädigste (18. Jh.). Gnadenbrot n. ‘aus Barmherzigkeit, Dankbarkeit für geleistete Dienste im Alter gewährter Unterhalt’ (18. Jh.). Gnadenfrist f. ‘aus Gnade gewährte Zeit der Schonung, Zeit der Strafaussetzung, letzte Frist’ (um 1800), zuvor im religiösen Sinne ‘Zeit der Gnade für die Seele vor dem Jüngsten Gericht’ (um 1600). gnadenreich Adj. ‘voller Gnade, huldreich, gesegnet’, mhd. genādenrīche, aus der genitivischen Verbindung mhd. der genāden rīche. Gnadenstoß m. ‘Stoß, Stich zur Beendigung der Todesqual (eines verwundeten Tieres)’, anfänglich ‘vom Henker ausgeführter Todesstoß ins Genick oder Herz des Verurteilten, um ihm die Qualen der nachfolgenden Räderung zu ersparen’ (um 1700); vgl. mhd. genādenstōʒ ‘Anstoß der göttlichen Gnade’.

Thesaurus

Synonymgruppe
Erbarmen · Gnade · ↗Gunst · ↗Mitleid
Assoziationen
Antonyme
  • Gnade
Synonymgruppe
Ablass · ↗Absolution · ↗Freisprechung · Gnade · ↗Lossprechung · ↗Straferlass · ↗Sündenerlass
Synonymgruppe
(ein) Glück · ↗(ein) Gottesgeschenk · (ein) unverdientes Glück · (eine) Gnade · (eine) wundersame Fügung · (etwas) hätte nicht besser sein können · (jemand) hätte es nicht besser treffen können · Fügung des Schicksals · ↗Glücksfall · Güte des Schicksals · ↗Segen · glückliche Fügung · glückliche Umstände · glücklicher Umstand · glücklicher Zufall · günstige Umstände  ●  (etwas) hätte nicht besser laufen können  variabel · Geschenk des Himmels  ugs.
Assoziationen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Barmherzigkeit Erbarmer Erlösung Flehen Geburt Gott Güte Halt Herrscher Huld Kaiser Sünde Ungnade Vergebung Vergessen anflehen ausliefern betteln bitten erbitten flehen fürstlich göttlich heiligmachend herzoglich himmlisch kennen kurfürstlich unverdient winseln

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›Gnade‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Es ist so schön und eine Gnade, leben zu dürfen!
Die Welt, 08.12.2004
Wenn die Einfuhr aber in großem Stil erfolgt, dann findet sie vor den Augen der Beamten keine Gnade mehr.
Der Tagesspiegel, 02.04.2002
Ohrfeig um Ohrfeig - das ist so Tax bei uns - Halten zu Gnaden.
Krämer, Walter / Sauer, Wolfgang, Lexikon der populären Sprachirrtümer, Frankfurt a. M.: Eichborn 2001, S. 64
Die Gnade macht aus dem Hörer einen Täter des Gesetzes.
Iserloh, Erwin u. a.: Reformation, katholische Reform und Gegenreformation. In: Jedin, Hubert (Hg.) Handbuch der Kirchengeschichte, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1967], S. 6898
An herkömmlich bestimmten Worten, Bewegungen, Opfern, Zeichen hängt die Gnade der Götter.
Schmoller, Gustav: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre Erster Teil, Berlin: Duncker & Humblot 1978 [1900], S. 43
Zitationshilfe
„Gnade“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/Gnade>, abgerufen am 18.08.2019.

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