übergehen

GrammatikVerb
Aussprache
Worttrennungüber-ge-hen (computergeneriert)
Wortzerlegungüber-gehen
Wortbildung mit ›übergehen‹ als Erstglied: ↗Übergehung  ·  mit ›übergehen‹ als Grundform: ↗Übergang
eWDG, 1976

Bedeutungen

I.
ging über, ›ist‹, übergegangen
1.
auf die Seite überwechseln, gegen die man bis zu diesem Zeitpunkt gekämpft hat
Beispiele:
ins feindliche Lager übergehen
auf die Seite des Siegers übergehen
die Soldaten gingen zu den Matrosen und Arbeitern über [Gesch. d. dt. Arbeiterbewegung6,92]
2.
zu etw. übergehenmit etw. aufhören und anderes beginnen, zu etw. anderem überwechseln
Beispiele:
zur Tagesordnung, zu einem anderen Thema, Punkt übergehen
zur Technisierung der Produktion übergehen
man geht immer mehr dazu über, Kunststoffe zu verwenden
von einer Tonart zu einer anderen übergehen
zum Angriff, zur Offensive übergehen (= mit dem Angriff, der Offensive beginnen)
3.
etw. geht in etw. überetw. verwandelt sich (allmählich) in einen anderen Zustand
Beispiele:
die Unterhaltung ging in lautes Schreien über
das Fleisch war schon in Fäulnis übergegangen
die Leiche ist in Verwesung übergegangen
das Gewitter ging in Regen über
4.
etw. geht in jmds. Besitz überetw. gelangt in jmds. Besitz
Beispiele:
das Grundstück ist in seinen Besitz übergegangen
der Betrieb ging in Volkseigentum, in die Hände des Volkes über
bildlich
Beispiel:
umgangssprachlich diese Handgriffe, Aufgaben sind mir in Fleisch und Blut übergegangen (= führe ich aus, ohne nachzudenken)
5.
jmdm. gehen die Augen über
a)
umgangssprachlich jmd. ist durch etw. überwältigt
Beispiel:
dir werden noch die Augen übergehen!
b)
dichterisch jmd. muss weinen
Beispiel:
Die Augen gingen ihm über, / So oft er trank daraus [GoetheKönig in Thule]
II.
überging, ›hat‹, übergangen
1.
etw., jmdn. unbeachtet lassen, nicht berücksichtigen
Beispiele:
eine Anordnung, Gesetz übergehen
er hat meinen Einwand übergangen
einen peinlichen Vorfall mit Stillschweigen übergehen
jmdn. bei der Begrüßung, bei einer Auszeichnung (versehentlich, absichtlich) übergehen
er ist bei der Beförderung übergangen worden
sich übergangen (= vernachlässigt, hintangesetzt) fühlen
den Hunger, Schlaf übergehen (= das Bedürfnis nach Essen, Schlaf unterdrücken)
2.
etw. auslassen, überspringen
Beispiel:
ich werde dieses Kapitel, diesen Punkt (zunächst) übergehen und später darauf zurückkommen
Etymologisches Wörterbuch (Wolfgang Pfeifer)

Etymologie

gehen · abgehen · Abgang · angehen · aufgehen · Aufgang · ausgehen · Ausgang · begehen · eingehen · Eingang · entgehen · ergehen · hintergehen · übergehen · Übergang · untergehen · Untergang · vergehen · Vergehen · Vergangenheit · vorgehen · Vorgang · Vorgänger
gehen Vb. ‘sich zu Fuß fortbewegen’. Im Paradigma von nhd. gehen sind die Formen von zwei verschiedenen, nicht miteinander verwandten Verben vereinigt. Das gemeingerm. starke Verb ahd. gangan (8. Jh.), mhd. gangen, asächs. aengl. gangan, mnl. ganghen, anord. ganga, got. gaggan gehört zu den reduplizierenden Verben und ist vielleicht als Rückbildung aus einem jan-Verb germ. *gangjan (vgl. ahd. zigengen ‘zergehen machen, vernichten’, um 1000, mhd. gengen ‘gehen machen, losgehen’, aengl. gengan ‘gehen, reisen, reiten’) anzusehen. Es ist verwandt mit ↗Gang (s. d.) und außergerm. mit aind. jáṅghā ‘Unterschenkel’, jáṁhaḥ ‘Flügel, Schwinge’, lit. žeñgti ‘schreiten, gehen’ und vielleicht griech. kochṓnē (κοχώνη) ‘Stelle zwischen den Schenkeln, Hinterbacke’. Erschließbar ist ie. *g̑hengh- ‘schreiten, Schritt, Schenkelspreize, Schamgegend’. Auf dieses durch ahd. gangan vertretene Verb gehen das Prät. (ging) und das Part. Prät. (gegangen) von nhd. gehen zurück. Daneben steht gleichbed. ahd. gān (8. Jh.) und (zunächst nur bair. und frk.) gēn (8. Jh.), mhd. gān, gēn, asächs. -gān, mnd. aengl. gān, engl. to go, mnl. gaen, nl. gaan, anord. aschwed. , krimgot. geen, das ahd. nur durch den Infinitiv und athematisch gebildete Präsensformen (gām, gās(t), gāt usw. neben gēm, gēs(t), gēt usw.) belegt ist (vgl. aber aengl. Part. Prät. gegān), die Infinitiv und Präsens des nhd. Verbs gehen ergeben haben. Dieses Verb verbindet sich mit griech. (homerisch) kichā́nein (κιχάνειν) ‘erreichen, erlangen, antreffen’, aind. jíhītē ‘springt auf, begibt sich zu’ und führt auf eine Wurzel ie. *g̑hē-, *g̑hēi- ‘leer sein, fehlen, verlassen, fortgehen’, dann auch ‘gehen’, wobei eine Identität mit ie. *g̑hēi-, *g̑hē- ‘gähnen, klaffen, offenstehen’ erwogen wird (s. ↗gähnen), da sich ‘fortgehen’ aus ‘klaffend abstehen’ entwickelt haben kann. abgehen Vb. ‘sich entfernen, fehlen, sterben, abschreiten’, ahd. abagangan, -gān ‘aufhören, vergehen’ (um 1000), mhd. abegān ‘abnehmen, etw. versagen, fehlen’; Abgang m. ‘Weggang, Tod, Weg nach unten’, mhd. abeganc ‘das Hinabgehen, ein hinabführender Weg, Mangel, Abfall’. angehen Vb. ‘beginnen, betreffen, um etw. bitten’, ahd. anagangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. anegān ‘anfangen, hineingehen, folgen, angreifen’. aufgehen Vb. ‘sich öffnen, emporsteigen, sichtbar werden’, ahd. ūfgangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. ūfgān, -gēn ‘aufgehen, sich erheben, entstehen, gedeihen’; Aufgang m. ‘Erscheinen, Weg nach oben, Treppe’, ahd. ūfgang (8. Jh.), mhd. ūfganc. ausgehen Vb. ‘fortgehen, sich aufbrauchen, enden, abzielen auf etw.’, ahd. ūʒgangan, -gān, -gēn ‘hinausgehen, aufhören’ (8. Jh.), mhd. ūʒgān, -gēn ‘heraus-, hervorgehen, über die Ufer treten, zu Ende gehen, sich verlieren’; Ausgang m. ‘das Hinausgehen, Schluß, Ende, Weg nach außen’, ahd. ūʒgang (um 800), mhd. ūʒganc ‘das Herausgehen, Ausgang, Ende’. begehen Vb. ‘besichtigen, entlanggehen, feiern’, ahd. bigangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. begān, -gēn ‘erreichen, antreffen, sorgen um etw., feiern, zu Grabe geleiten’. eingehen Vb. ‘hineingehen, eintreffen, sich mit etw. oder jmdm. beschäftigen, kleiner werden, schrumpfen, aufhören zu existieren’, ahd. ingangan, -gān, -gēn ‘hineingehen, ein-, betreten, eindringen, überfallen’ (8. Jh.), mhd. īngān, asächs. mnd. ingān, got. inngaggan. Eingang m. ‘Öffnung, Tür, Ankunft, Weg nach innen’, ahd. ingang (8. Jh.), mhd. īn-, inganc. entgehen Vb. ‘entkommen, nicht bemerkt werden’, ahd. intgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. engān, -gēn ‘entkommen, fortgehen, verlorengehen, sich entziehen’. ergehen Vb. ‘angeordnet werden’, reflexiv ‘spazierengehen’, auch unpersönlich mir ergeht es gut, schlecht, ahd. irgangan, -gān, -gēn (9. Jh.), mhd. ergān, -gēn ‘zu gehen beginnen, kommen, geschehen, sich ereignen, einholen, zu Ende gehen’. hintergehen Vb. ‘betrügen, täuschen’, spätmhd. hindergān ‘von hinten herangehen, überfallen, betrügen’. übergehen Vb. ‘nicht beachten, übersehen, überlaufen, überfließen’, ahd. ubargangan, ubar(i)gān ‘überströmen, hinübergehen’ (8. Jh.), mhd. übergān, -gēn ‘übergehen, -fließen, vorübergehen, über etw. gehen, überfallen, übertreten’; Übergang m. ‘überführender Weg, das Überschreiten, Wechsel’, ahd. ubargang ‘das Herausgehen, Abweichung, Verderben, Seuche, Pest’ (8. Jh.), frühnhd. übergang ‘das Hinübergehen, Durchgang, Stelle, wo man hinübergeht’ (15. Jh.). untergehen Vb. ‘zugrunde gehen, versinken’, ahd. untargangan, -gān, -gēn (um 800), mhd. untergān, -gēn ‘dazwischentreten, überkommen, befallen, versperren’; Untergang m. ‘das Zugrundegehen, Scheitern, Sinken’, ahd. untargang (9. Jh.), mhd. underganc ‘Verderben, Sinken (der Sonne), Unterwerfung, Schiedsgericht’. vergehen Vb. ‘aufhören zu existieren, vorbeigehen, verstreichen’, reflexiv ‘gegen eine Norm verstoßen, ein Verbrechen an jmdm. ausführen’, ahd. firgangan, -gān, -gēn ‘vorwärtsgehen, verstreichen’ (9. Jh.), mhd. vergān, -gēn, auch ‘übergehen, meiden, auseinandergehen, sich verirren’; Vergehen n. ‘zu bestrafende Handlung, Verbrechen’ (18. Jh.), vgl. mhd. vergān ‘das Vorübergehen, Hinweggehen’; Vergangenheit f. ‘zurückliegende, verflossene Zeit’ (18. Jh.), in diesem Sinne grammatischer Terminus für Zeitformen des Verbs, die ein Geschehen oder Sein als vergangen darstellen (19. Jh.), vgl. di vergangen zeit (um 1400), die verlauffene Zeit (Anfang 17. Jh.). vorgehen Vb. ‘vorwärtsgehen, nach vorn gehen, den Vorrang haben, sich ereignen’, ahd. foragangan, -gān, -gēn (8. Jh.), mhd. vor-, vürgān ‘vorangehen, übertreffen’; Vorgang m. ‘Ereignis, Ablauf eines Geschehens, in den Akten festgehaltener Fall’, mhd. vor-, vürganc ‘das Vorausgehende, Einleitung, Vortritt, Fortschritt, Erfolg’; Vorgänger m. ‘in Amt oder Stellung Vorangegangener’, spätmhd. vorganger, -genger.

Thesaurus

Synonymgruppe
(sich) hinwegsetzen · ↗ignorieren · nicht beachten · übergehen · ↗übersehen

Typische Verbindungen
computergeneriert

Angriff Beförderung Besitz Blut Eigentum Fleisch Gegenangriff Hand Privatbesitz Regen Schweigen Staatsbesitz Stillschweigen Tagesgeschäft Tagesordnung Trägerschaft Zustand Zuständigkeit allmählich bald bruchlos dazu einfach fließend geflissentlich gehen ineinander nahtlos stillschweigend unmerklich

Detailliertere Informationen bietet das DWDS-Wortprofil zu ›übergehen‹.

Verwendungsbeispiele
maschinell ausgesucht aus den DWDS-Korpora

Wenn sich das jetzt nicht so ausgeweitet hätte, würde ich die Rede einfach übergehen.
Süddeutsche Zeitung, 24.11.1998
Die Beschränkung auf einen der beiden Künstler übergeht diese Zusammenarbeit.
Der Tagesspiegel, 25.08.1998
Seit 1871 hätte die preußische Geschichte allmählich in die deutsche Geschichte übergehen sollen.
Ardenne, Manfred v.: Ein glückliches Leben für Technik und Forschung: Berlin: Verlag der Nation 1976, S. 8
Sein Leben ging auf sie über, sie hatten aktiven Teil daran.
Canetti, Elias: Die Blendung, München: Hanser 1994 [1935], S. 440
Dennoch hatte ich zunächst nicht die Absicht, auf dieses Gebiet jetzt schon überzugehen.
Wundt, Wilhelm: Erlebtes und Erkanntes. In: Simons, Oliver (Hg.) Deutsche Autobiographien 1690-1930, Berlin: Directmedia Publ. 2004 [1921], S. 1890
Zitationshilfe
„übergehen“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://dwds.de/wb/übergehen>, abgerufen am 18.09.2019.

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